lektürenotizen | buchbesprechungen | rezensionen

Der Boxer | Szcepan Twardoch 

Der Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seiner Verletzlichkeit als Jude.
Die Handlung spielt in der Warschauer Unterwelt der späten 1930er-Jahre – geprägt von skrupellosen Schutzgeldeintreibern, brutalen Killern, käuflichen Journalisten, Geldschiebern und Waffenhändlern.

Literatur in Wersten | Mein Lesekreis
Literatur in Wersten

Szczepan Twardoch 

Foto © Zuza Krajewska 

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch. Für den Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt, 2019 erhielt Twardoch den Samuel-Bogumił-Linde-Preis. Er lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.

Kurzrezension von Horst G. Flämig

Der Boxer | Szcepan Twardoch 

Ein Buch wie ein Faustschlag

Twardochs Romane zeugen von gründlicher Recherche-Arbeit. Nicht selten werden sie aufgrund der Fülle an historischen und kulturgeschichtlichen Details als Historische Romane bezeichnet, was aus meiner Warte inkorrekt ist. Dafür gehen die Werke nicht genügend in die geschichtliche Tiefe. Und das scheint auch von Twardoch nicht gewollt zu sein. Jedoch lassen sich in all seinen Werken Personen und Ereignisse mit der Wirklichkeit prononciert abgleichen.
In Twardochs Erzählungen geht es letztendlich nicht um Faktografie und Dokumentation. Er setzt auf starke Effekte. Alles ist entweder stark oder schwach, gut oder böse. Ein bisschen ist nicht sein Ding. Seine Wirkungsmittel sollen die Leserschaft überwältigen, umwerfen. Das gelingt in dem Roman ‚Der Boxer‘ zweifelsohne. Der Roman ist wie ein Faustschlag in die Magengrube. 

Schönen Huren, gnadenlose Gangster und schmierige Journalisten

Die exzellenten kompositorischen Finessen siedelt Twardoch in seinen Romanen in die Zeit zwischen den Weltkriegen (Demut) oder im zweiten Weltkrieg (Das schwarze Königreich) an. Ideale Schauplätze für seine Erzählungen.

Twardochs Geschichten sind aufwühlend und erschütternd. Auch für eine aufgeschlossene und gewogene Leserschaft geht 'Der Boxer' mitunter über die rote Linie. Ich bin zwar der Meinung, Romane müssen auch weh tun dürfen. Aber streckenweise tut ‚Der Boxer‘ sehr weh. Die detailreich erzählte Geschichte trägt Züge eines Thrillers. Nicht wenig Brutalität kennzeichnen viele Szenen mit schönen Huren, gnadenlosen Verbrechern und schmierigen Journalisten.

Im blutigen Schlachthaus Warschau der späten 1930er-Jahre

Twardoch hat dieses Mal seine Geschichte wieder in einen historischen Kontext angesiedelt. In die Zeit zwischen den Kriegen, als nach dem Tod von Jozef Piłsudski * die rechtsnationalen und rechtsradikalen Kräfte, wie die faschistische Falanga-Bewegung, zunehmend politischen Druck ausüben. Die polnischen Juden, ein Zentel der polnischen Bevölkerung, leben in eigenen Vierteln Warschaus und werden von der Mehrheit der Gesellschaft zunehmend diskriminiert. 

Die Handlung spielt in der Warschauer Unterwelt der späten 1930er-Jahre. Twardoch durchleuchtet das polnisch-jüdische Umfeld. Ein wenig erinnert der Roman an die Filmserie ‚Babylon Berlin‘, in der die Reichshauptstadt in einem Sumpf aus Drogen, Korruption, Alkohol, Kunst und Kriminalität versinkt. 

*(Józef Klemens Piłsudski war ein polnischer Militär, Politiker und Staatsmann. Er kämpfte gegen die russische Herrschaft in Polen und war später Marschall der Zweiten Polnischen Republik. Von 1926 bis zu seinem Tod 1935 regierte er autoritär) 

Literatur in Wersten

Am Anfang steht ein Boxkampf

Am Anfang steht ein Boxkampf. Zwei Männer kämpfen in Warschau des Jahres 1937 gegeneinander. Der Pole und Katholik Andrzej Ziembinski und Jakub Shapiro, ein polnischer Jude. Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Jan Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. 
Der siebzehnjährige Mojzesz Bernstein schaut diesem Kampf zu.  Zwei Tage zuvor wurde sein Vater Naum von Jakub Shapiro wegen ausgebliebener Schutzgeldzahlungen bestialisch ermordet. Der Mörder selbst nimmt sich des vaterlosen Jungen an. Er bringt ihm das Boxen bei. 

Kaplica kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgelder ein. An seiner Seite der gnadenlosen Boxer und Gangster Shapiro mit seinem Ziehsohn Mojzesz.
Rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis. Er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt - aus Leidenschaft und Kalkül - eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen - und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein. 

Knochenbrüche, Faustkämpfe, Folterszenen 

Der Roman ist nichts für Dünnheutige. Knochenbrüche, Faustkämpfe, Folterszenen. Die Leserschaft wird mit einem Schlachthaus Warschau konfrontiert. Ein Vergleich mit den Gangster- Epen von Martin Scorsese liegt auf der Hand. 

„Mag sein, dass das alles auch gar nicht passiert ist, vielleicht hat Shapiro mir diese Geschichte erzählt? Unsere Leben fließen ins eins zusammen“ heißt es im Roman.

Twardoch greift zu einer literarisch genialen Finesse. In der Person des Jakub Shapiro fließen mehrere Personen zusammen. Gelungen ist die doppelbödige raffinierte Konstruktion der Geschichte, die erst gegen Ende die wahre Erzählerinstanz enthüllt. Die Abbildung der Identitäten, die Verwicklungen der Akteure nehmen eine überraschende Wendung.

Die Gegenwärtigkeit von roher Gewalt verleiht dem Buch eine erschreckende Körperlichkeit und gleichzeitig eine gewaltige Strahlkraft. Die Lektüre erzeugt eine anhaltende Sogwirkung. Bis zur letzten Seite. Ein wuchtiges Epos. Lassen Sie sich auf den Boxer ein. Auch wenn die Lektüre  mitunter  Unmut hervorruft. Auch wenn der Text rohe Bilder vor dem geistigen Auge produziert.

Das informative Nachwort des Übersetzers Olaf Kühn empfehle ich zu Beginn zu lesen, um den historischen Hintergrund besser zu verstehen.