EMPUSION

OLGA TOKARCZUK 

Was heißt Empusion?

„Empusion“ ist ein im Jahr 2022 erschienener Roman der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Es ist ihr erstes großes Romanwerk nach dem Erhalt des Nobelpreises. Das Buch versteht sich als eine feministische Antwort und explizite literarische Replik auf Thomas Manns Klassiker „Der Zauberberg“. 


Wortbedeutung des Titels

Der Titel ist ein von Tokarczuk geschaffenes Kofferwort (Neologismus) aus zwei Begriffen der griechischen Antike:

  • Empusa: Eine weibliche, oft schreckgestaltige Spukfigur aus der Mythologie, die Männer verführt und deren Blit saugt.
  • Symposion: Das antike, gesellige Trinkgelage, bei dem Männer über Philosophie und Politik debattierten. 

In Tokarczuks Roman "Empusion - Eine natur(un) heilkundliche Schauergeschichte" treffen sich im Jahr 1913 kranke Männer in einem schlesischen Sanatorium, um über Philosophie und die Welt zu diskutieren. Das Wortspiel entlarvt die dortigen, oft misogynen Ansichten der Männer über Frauen, während im Hintergrund das Wirken der mythischen Empusen spürbar bleibt. 

 

Die schlesische Variante des „Zauberberg". In einem schlesischen Lungensanatorium diskutieren Männer mit Männern über Frauen – bis der Erste Weltkrieg losbricht. 

EMPUSION

OLGA TOKARCZUK

September 1913, Görbersdorf in Niederschlesien. Inmitten von Bergen steht seit einem halben Jahrhundert das erste Sanatorium für Lungenkrankheiten. Mieczysław Wojnicz, Ingenieurstudent aus Lemberg, hofft, dass eine neuartige Behandlung und die kristallklare Luft des Kurorts seine Krankheit aufhalten, wenn nicht gar heilen werden. Die Diagnose allerdings gibt nur wenig Anlass zur Hoffnung: Schwindsucht. Mieczysław steigt in einem Gästehaus für Männer ab. Kranke aus ganz Europa versammeln sich dort, und wie auf Thomas Manns Zauberberg diskutieren und philosophieren sie unermüdlich miteinander – mit Vorliebe bei einem Gläschen Likör mit dem klingenden Namen »Schwärmerei«. Drängende Fragen treiben die Herren um: Wird es Krieg geben in Europa? Welche Staatsform ist die beste? Aber auch vermeintlich weniger drängende: Ob Dämonen existieren zum Beispiel oder ob man einem Text anmerkt, wer ihn verfasst hat – eine Frau oder ein Mann? Und mit der »Frauenfrage« befasst sich diese Herrenriege besonders gern. Auch bietet die kleine Welt von Görbersdorf reichlich Gesprächsstoff: Am Tag nach Mieczysławs Ankunft hat die Frau des Pensionswirts Selbstmord begangen. Überhaupt komme es häufig zu mysteriösen Todesfällen in den Bergen ringsum, heißt es. Was Mieczysław nicht weiß: Dunkle Mächte haben es auch auf ihn abgesehen.

 Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom KAMPA Verlag, Zürich, zur Verfügung gestellt. 

OLGA TOKARCZUK

foto  © Lukasz Giza 

Olga Nawoja Tokarczuk (* 29. Januar 1962 in Sulechów bei Zielona Góra, Polen) ist eine polnische Schriftstellerin und Psychologin. 2019 erhielt sie rückwirkend den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2018, der zuvor nicht vergeben worden war. Ihr Werk (bislang zehn Romane, drei Erzählbände und zwei Kinderbücher) wurde in 37 Sprachen übersetzt. 

Ihre Eltern, Wanda und Józef Tokarczuk, stammten aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, aus denen sie im Zuge der Zwangsumsiedlung von Polen 1944–1946 vertrieben worden waren. Ihre Kindheit verbrachte Tokarczuk in der Ortschaft Klenica in den „wiedergewonnenen Gebieten“ in der heutigen Woiwodschaft Lebus unweit von Zielona Góra, wo ihre Eltern als Lehrer beschäftigt waren. Später zog die Familie ins oberschlesische Kietrz in die Woiwodschaft Oppeln. Dort besuchte sie das städtische Liceum, das sie 1980 mit dem Abitur abschloss. Anschließend studierte sie Psychologie an der Universität Warschau. Neben dem Studium arbeitete sie als Volontärin in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. Sie schloss 1985 das Studium als Magistra ab, heiratete und zog zunächst nach Breslau um. 1986 bis 1989 arbeitete sie in der Krakauer Klinik für psychische Gesundheit. 1986 hat sie einen Sohn geboren. Die Familie zog nach Wałbrzych, wo sie bis 1996 im Methodischen Zentrum für Lehrkräfte als Psychotherapeutin angestellt war. Seit 1998 lebt sie in dem kleinen Dorf Krajanów bei Nowa Ruda in der Woiwodschaft Niederschlesien. Von hier aus führte sie von 1998 bis 2003 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann, Roman Fingas, den Kleinverlag „Ruta“, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete.

Im Oktober 2019 gründete sie in Breslau zusammen mit ihrem zweiten Ehemann und Manager, dem Germanisten Grzegorz Zygadło, die „Olga-Tokarczuk-Stiftung“. Als Kulturmanagerin der Stiftung wirkt Iryna Wikyrtschak.

Im September 2020 wurde bekannt, dass Tokarczuk die ihr angetragene Ehrenbürgerschaft ihrer polnischen Heimatregion Niederschlesien abgelehnt hat, da dies „die Spaltung in Polen wegen Rechten für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle hervorheben“ würde, da sie zur gleichen Zeit wie der emeritierte katholische Bischof Ignacy Dec ausgezeichnet werden sollte, der „die LGBT-Bewegung als Gefahr für die katholische Kirche und Polen beschrieben“ hat.

Quelle: WIKIPEDIA

Pressestimmen

»Empusion dreht sich um die großen Identitätsthemen unserer Zeit, um toxische Männlichkeit, Mansplaining und Genderfluidität, und man könnte ihn für einen Zeitgeistroman halten, würde er nicht, wie bei Tokarczuk üblich, so wunderbar altmodisch daherkommen.«
Benedikt Herber / Die ZEIT

»Empusion ist also eine Lektion im Erkennen der Vielfalt der Welt und der Komplexität der menschlichen Natur.«
Marta Kijowska / Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die Handlung in Empusion entwickelt sich langsam, sinnlich. Wie die Frauen schleicht auch der Grusel diskret durch Hausflure und Kapitel.«
Susanne Romanowski / Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Hochambitionierte Konversation, heimliche Laster, Grammophon-Nadeln, Vorkriegszeit, Entsorgung der Toten, alles vorhanden.«
Lothar Müller / Süddeutsche Zeitung


»Einmal mehr zeigt Olga Tokarczuk ihr überragendes literarisches Können und ihre besondere Sicht auf Mensch und Welt.«
Ilma Rakusa / Neue Zürcher Zeitung

»Tokarczukn hat ihr Satyrspiel als augenzwinkernden Kommentar auf Thomas Manns nVorgängerroman angelegt. Den notorischen Frauenhassern der vorletzten Jahrhundertwende, die sie allesamt zitiert, dreht sie in Empusion genüsslich eine lange, überaus fein geformte Nase.« 
Roland Pohl / Der Standard


Rezension folgt