Das andere Buch, das sich bewusst gängigen Gattungsgrenzen entzieht.

Junge Mütter, alte Mütter, emigrierte Mütter, Bonusmütter, Mütter mit behinderten Kindern und Frauen, die keine Mütter werden können.

ALLE MEINE MÜTTER

Lena Gorelik

"Alle meine Mütter", erschienen 2026,  erzählt von dieser besonderen, oft lebenslang komplexen Beziehung und ihren Facetten, erzählt davon, welche Mütter wir selbst zu sein versuchen, wie wir scheitern, zweifeln, stolpern und welche Ängste uns begleiten, was uns bindet und prägt, aber auch, was uns abhält, was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können.Tiefste Liebe, Zweifel, ganz verschiedene Formen von Glück - in der ersten und vielleicht engsten Bindung unseres Lebens tritt der ganze Kosmos menschlicher Beziehungen zutage.

"Tief bewegend, brutal ehrlich, einfach wunderbar" Doris Dörrie

Das  Essay wurde LiWe zur Rezension vom Rowohlt Verlag, Hamburg, zur Verfügung gestellt. 

Was es bedeutet, eine Mutter zu haben, eine Mutter zu werden, eine Mutter zu sein, eine Mutter zu verlieren. 

Lena Gorelik hebt ein zentrales psychologisches Phänomen hervor: die dauerhafte Präsenz der Mutter im Inneren des Individuums. „Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen. Sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten.“

LENA GORELIK

Foto © Thomas Dashuber

Lena Gorelik wurde 1981 in Leningrad (seit 1991 wieder Sankt Petersburg) als zweites Kind russischer Eltern geboren; sie hat einen älteren Bruder. 1992 wanderte sie zusammen mit ihren Eltern, der Großmutter und ihrem Bruder als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland aus. Die Familie musste zunächst achtzehn Monate in der Baracke einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsburg leben. Gorelik ist in Stuttgart aufgewachsen und zur Schule gegangen.

Gorelik erhielt ihre Ausbildung zur Journalistin an der Deutschen Journalistenschule in München. Anschließend absolvierte sie den Masterstudiengang Osteuropastudien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2006 bis 2007 studierte sie Politik an der Hebräischen Universität von Jerusalem, wo sie parallel Hebräisch und Arabisch lernte. Gorelik lebt in München, ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mäßig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser. Im selben Jahr erschien «Alle meine Mütter», ein neuer Roman.

"Was ich auch weiß: dass die Sowjetunion einmal den Weltrekord an Schwangerschaftsabbrüchen gehalten hat. Daß viele Frauen bis zu zehn Mal abtrieben, und manche auch zwanzig Mal. Dass Abtreibungen, Aborte, wie man auf russisch sagte, zur Verhütung zählten.
Ich lese: vier Schwangerschaftsabbrüche auf eine Geburt. In jeder Abort-Sonderabteilung einer jeden Klinik wurden pro Tag bis zu zweihundertfünfzig Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Die Eingriffe waren kostenlos und legal."
Alle meine Mütter, S. 24

https://www.lenagorelik.de/

Die Beziehung zur Mutter ist eine der fundamentalsten und prägendsten menschlichen Erfahrungen. Sie bildet die Grundlage für unsere ersten Bindungen, formt unsere Persönlichkeit und beeinflusst maßgeblich unsere spätere Beziehungsfähigkeit und Weltanschauung. In der Literatur dient die Mutterfigur seit jeher als mächtiges Symbol – sie ist Ursprung, Nährboden, aber auch Projektionsfläche für Konflikte, Sehnsüchte und gesellschaftliche Normen.

Das Essay "Alle meine Mütter" - Roman möchte ich es nicht nennen - beschäftigt sich mit der vielschichtigen Aufarbeitung von Mutterschaft. Die Autorin Lena Gorelik dekonstruiert das traditionelle Bild der Mutter und entwirft ein komplexes Mosaik aus biologischen, sozialen und elektiven Mutterschaften. 

Die zentrale These lautet: Mutterschaft ist kein monolithischer Zustand, sondern ein dynamischer, oft widersprüchlicher Prozess, der die weibliche Identität tiefgreifend formt – unabhängig davon, ob eine Frau biologische Mutter ist oder nicht. 

LEKTÜRE NOTIZEN 

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Mit „Alle meine Mütter“ legt Lena Gorelik ein Werk vor, das sich bewusst gängigen Gattungsgrenzen entzieht. Der Text ist weniger ein klassischer Roman mit linearer Handlung als vielmehr ein essayistisch-mosaikartiges Geflecht aus Erinnerungen, Beobachtungen und erzählerischen Miniaturen. 

Gorelik versucht, ein Thema zu erfassen, das sich nicht in eine geschlossene Geschichte pressen lässt – Mutterschaft als soziale, emotionale und kulturelle Erfahrung. 

Im Zentrum steht keine einzelne Handlung, sondern ein vielstimmiges Panorama von Mutterfiguren: 

  • Die eigene Mutter der Erzählerin 
  • Migrantische Mütter 
  • Mütter kranker oder behinderter Kinder 
  • Abwesende, verlorene oder überforderte Mütter 
  • „Wahlmütter“ und Patchwork-Konstellationen 

Diese Figuren erscheinen in episodischen Szenen, Reflexionen und Erinnerungsfragmenten, die sich gegenseitig kommentieren 

 Schlüsselbegriffe: Internalisierung - Inneres Objekt - Bindungstheorie - Objektbeziehungstheorie - Elektive Mutterschaft 

Die Beziehung zur Mutter ist eine der fundamentalsten und prägendsten menschlichen Erfahrungen. Sie bildet die Grundlage für unsere ersten Bindungen, formt unsere Persönlichkeit und beeinflusst maßgeblich unsere spätere Beziehungsfähigkeit und Weltanschauung. In der Literatur dient die Mutterfigur seit jeher als mächtiges Symbol – sie ist Ursprung, Nährboden, aber auch Projektionsfläche für Konflikte, Sehnsüchte und gesellschaftliche Normen. 

"Alle meine Mütter" beschäftigt sich mit der vielschichtigen Aufarbeitung um Mutterschaft. De Autorin Lena Gorelik dekonstruiert das traditionelle Bild der Mutter und entwirft ein komplexes Mosaik aus biologischen, sozialen und elektiven (gewählten) Mutterschaften. 
Die zentrale These lautet: Mutterschaft ist kein monolithischer Zustand, sondern ein dynamischer, oft widersprüchlicher Prozess, der die weibliche Identität tiefgreifend formt – unabhängig davon, ob eine Frau biologische Mutter ist oder nicht. 

Lena Gorelik hebt ein zentrales psychologisches Phänomen hervor: die dauerhafte Präsenz der Mutter im Inneren des Individuums.

„Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen. Sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten.“ 

Diese Aussage beschreibt präzise das Konzept der Internalisierung, wie es in der Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie verstanden wird. 

Definition der Internalisierung: 

Internalisierung bezeichnet den Prozess, bei dem äußere Objekte, Werte, Normen und Beziehungsmuster in die innere psychische Struktur eines Individuums aufgenommen werden. Die Mutter (oder primäre Bezugsperson) wird zu einem „inneren Objekt“, einer mentalen Repräsentation, die das Denken, Fühlen und Handeln der Person lebenslang beeinflusst. 

Die innere Stimme: Diese internalisierte Mutter manifestiert sich als eine Art „innere Stimme“. Sie kann ermutigend und tröstend sein („flüstern uns zu, trösten“), aber auch kritisch und fordernd („schimpfen“). Diese innere Instanz wird zum Maßstab, an dem das eigene Handeln – insbesondere das eigene (Mutter-)Sein – gemessen wird. Sie ist die Quelle von Selbstzweifeln, aber auch von Stärke und Resilienz. 

Wirkung über den Tod hinaus: 

Die physische Abwesenheit der Mutter, sei es durch Tod oder Trennung, beendet diesen inneren Dialog nicht. Im Gegenteil, die mentale Repräsentation kann sich verfestigen und sogar idealisiert oder dämonisiert werden. Dies erklärt, warum auch Menschen, die ihre Mütter früh verloren oder nie gekannt haben, eine intensive (oft imaginierte) Beziehung zu ihnen führen und von ihnen geprägt sind. 

Lena Goreliks Formulierung, „Wir setzten unser Schritt auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns“, fasst diese unentrinnbare Verflechtung von Identität und mütterlicher Prägung poetisch zusammen. Die eigene Identität wird als ein Weg verstanden, der auf dem Fundament der mütterlichen Beziehung aufgebaut ist – sei es in dankbarer Annahme oder in bewusster Abgrenzung („dank oder trotz“). 

Verknüpfung zu verwandten Disziplinen 

Psychoanalyse (Objektbeziehungstheorie): 

Theoretiker wie Melanie Klein und Donald Winnicott haben die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung für die Entwicklung des Selbst und die Fähigkeit zur Objektbeziehung betont. Das Konzept des „inneren Objekts“ ist hier zentral. 

Bindungstheorie (John Bowlby): Die Qualität der frühen Bindung zur primären Bezugsperson schafft ein „inneres Arbeitsmodell“ von Beziehungen, das unsere Erwartungen und Verhaltensweisen in späteren Partnerschaften und auch in der eigenen Elternschaft prägt. 

„Alle meine Mütter“ bricht radikal mit der Vorstellung einer singulären, biologisch definierten Mutterschaft. Das Buch erforscht, was es bedeutet, eine Mutter zu sein oder zu werden, aber auch, was es bedeutet, keine zu sein. 

„...welche Mütter wir selbst zu sein versuchen, wie wir manchmal scheitern, zweifeln, stolpern, welche Ängste uns begleiten, was uns bindet und prägt, was uns abhält, was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können.“ 



Facetten der Mutterschaft

Das Werden und Scheitern: 
Die Darstellung des Versuchs, eine gute Mutter zu sein, rückt den Prozess in den Vordergrund, nicht das Ergebnis. Scheitern, Zweifeln und Stolpern sind keine Abweichungen, sondern integrale Bestandteile der mütterlichen Erfahrung. Dies entlastet von unrealistischen Perfektionsansprüchen.

Die Ambivalenz: 
Der Roman thematisiert das Spannungsfeld zwischen Bindung und Abgrenzung („was uns bindet [...] aber auch was uns abhält“). Mutterschaft wird als eine Beziehung gezeigt, die sowohl zutiefst erfüllend als auch einschränkend sein kann. Diese Ambivalenz ist ein zentrales Merkmal moderner Elternschaft. 


Ungewollte Mutterschaft: 
Die Erfahrung, ungewollt Mutter zu werden, stellt eine extreme Belastung dar und konfrontiert die Frau mit gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Lebensentwürfen. 

Nicht-Mutterschaft: 
Das bewusste oder unbewusste Fehlen von Mutterschaft – sei es durch Unfruchtbarkeit, Entscheidung oder äußere Umstände – wird als ebenso prägende identitätsstiftende Erfahrung dargestellt. Die gesellschaftliche Leerstelle der „Nicht-Mutter“ wird literarisch gefüllt. 

Adoption und Verlust: Die Themen „ein Kind anzunehmen“ (Adoption) und „zu verlieren“ (Fehlgeburt, Tod des Kindes) erweitern den Mutterbegriff über die Biologie hinaus und fokussieren auf die emotionale und soziale Dimension. Das Nicht-Loslassen-Können verweist auf komplexe Trauerprozesse. | 

Durch die Gegenüberstellung dieser unterschiedlichen Erfahrungen stellt der Roman die universelle Frage nach dem Wesen von Fürsorge, Verantwortung und Liebe. Er zeigt, dass „Muttersein“ eine Rolle ist, die auf vielfältige Weise ausgefüllt, abgelehnt oder vermisst werden kann. 

Anwendungsfall: Die „elektive Mutterschaft“ 
Der Roman deutet das Konzept der elektiven Mutterschaft an. Dies beschreibt Beziehungen, in denen eine Person mütterliche Funktionen für eine andere übernimmt, ohne dass eine biologische oder rechtliche Verwandtschaft besteht. Beispiele hierfür sind: 

- Eine ältere Freundin, die zur Mentorin wird. 

- Eine Tante, die eine zentrale Bezugsperson darstellt. 

- Eine Lehrerin, die prägenden Einfluss ausübt. 

Diese „Wahlmütter“ können die Lücken füllen, die durch abwesende oder konflikthafte biologische Mütter entstehen, und werden Teil des persönlichen „Mütter-Mosaiks“ einer Person. 

„Dieses Buch geht uns alle an“ 

Die Auseinandersetzung mit der Mutterfigur ist letztlich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Ursprung, der eigenen Identität und den fundamentalen Mustern menschlicher Beziehungen. 

 „Alle meine Mütter“ dient somit als ein literarisches Laboratorium, in dem die komplexen und oft widersprüchlichen Realitäten von Mutterschaft im 21. Jahrhundert untersucht werden. Er lädt die Lesenden – unabhängig von Geschlecht oder eigener Elternschaft – dazu ein, die eigene Prägung durch mütterliche Figuren (oder deren Abwesenheit) zu reflektieren und die starren gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie und Identität zu hinterfragen. 

 "Alle meine Mütter" überzeugt durch eine seltene Offenheit im Umgang mit tabuisierten Gefühlen (Überforderung, Scham, Ablehnung). Gorelik trifft einen Nerv aktueller Debatten: 

  • Care-Arbeit 
  • Migration 
  • Familienbilder 
  • Weibliche Selbstbestimmung 


"Alle meine Mütter" ist ein intellektuell anspruchsvoller, formal experimenteller und emotional vielschichtiger Text, der weniger durch Handlung als durch Perspektivenreichtum überzeugt.
Meine uneingeschränkte Empfehlung. Das Buch wirkt wie ein Spiegel: Er lädt dazu ein, die eigene Beziehung zur Mutter neu zu denken. Auch wenn sie bereits verstorben ist.


Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne)

horst g. flämig | moderation LiWe