Am Beispiel seiner Mutter prangert der Schriftsteller und Philosoph Didier Eribon die gezielte Vernachlässigung alter Menschen in den Pflegeheimen an.
Textzitat
"Aber eine Lösung musste her: Sie konnte nicht mehr allein leben. Die Diskussion begann von vorn. »Du musst vernünftig sein, es geht nicht anders«, beharrte ich, als bringe es etwas, mit Vernunft gegen ihre beklemmende Angst zu argumentieren, die alles andere als irrational war. Sie antwortete: »Ich weiß, aber versteh doch …« Oh ja! Ich verstand. Ich verstand sogar sehr gut. Aber wir mussten »vernünftig« sein. Nach einer Weile gab meine Mutter klein bei: »Du hast recht, ich muss vernünftig sein.« "
Sieben Wochen hat Didier Eribons Mutter noch im Pflegeheim überlebt, und er hat sie nur ein einziges Mal besucht!
"Alte Menschen werden wegorganisiert."
horst g. flämig | moderation LiWe
Eine Mutter, die immer nur geschuftet und sich abgeplagt hat
Eine Arbeiterin
Leben, Alter und Sterben
Klappentext
Eigentlich hatte Didier Eribon sich vorgenommen, ab jetzt regelmäßig nach Fismes zu fahren. Doch seine Mutter stirbt wenige Wochen nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim in dem kleinen Ort in der Champagne. Wie in Rückkehr nach Reims wird dieser Einschnitt zum Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit. Eribon rekonstruiert die von Knappheit und Zwängen bestimmte Biografie einer Frau, die an einen brutalen Ehemann gekettet blieb und sich sogar in ihren Träumen bescheiden musste. »Meine Mutter«, hält er fest, »war ihr ganzes Leben lang unglücklich.«
Didier Eribons neues Buch ist hochpolitisch: Er legt schonungslos dar, wie sehr die Politik, aber auch die Philosophie, ja wir alle die skandalöse Situation vieler alter Menschen lange verdrängt haben. Zugleich erweist er sich erneut als großer Erzähler: Anhand suggestiver Episoden und berührender Erinnerungen zeigt er, wie wichtig Familie und Herkunft für unsere Identität sind. Er kauft ein Dialekt-Wörterbuch, um noch einmal die Stimme seiner Mutter im Ohr zu haben. So entfaltet der Soziologe das Porträt einer untergegangenen Welt: des Milieus der französischen Arbeiterklasse – mit ihren Sorgen, ihrer Solidarität, ihren Vorurteilen.
Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom Suhrkamp Verlag, Berlin, zur Verfügung gestellt.
Schlüsselwörter:
- Altersdiskriminierung (Ageismus)
- Pflege- und Alterssystem
- Moralisches und politisches Versagen
- Soziale Ungleichheit
- Das weibliche Arbeiterinnenleben
- Die politische Entfremdung der Arbeiterklasse von linken Parteien
"Alter ist grässlich, Sterben auch, und die Station dazwischen, im Pflegeheim, kann ebenfalls von ausgesuchter Scheußlichkeit sein."
Didier Eribon
Foto © Pascal Ito (c) Flammarion
Didier Eribon (* 10. Juli 1953 in Reims) ist ein französischer Journalist, Autor, Soziologe und Philosoph. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau, der Vater war Fabrikarbeiter. In seiner Familie wählten alle, so erzählt er später, zunächst die Kommunistische Partei. In seinem viel beachteten autobiografischen Werk „Rückkehr nach Reims“ aus dem Jahr 2009 (auf Deutsch 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen) erinnert er sich an Reims „als Stadt der Beleidigung“ und an seine dortige Existenz als die eines Arbeiterkindes, das seine Homosexualität entdeckte und deshalb geschmäht wurde.
Eribon gelang es, zum Hochschulstudium zugelassen zu werden, und er studierte Philosophie zunächst in Reims, dann in Paris. Er wollte Gymnasiallehrer werden, scheiterte jedoch und beendete auch seine Dissertation nicht. So begann er als Journalist über Philosophie und Literatur zu schreiben. Von der linksgerichteten Tageszeitung Libération wechselte er zum Wochenmagazin Le Nouvel Observateur. Dabei wandte er sich zunehmend Themen der Geschichte schwulen Lebens und schwuler Subjektivität zu, doch verstand er seine journalistische Tätigkeit vor allem als Broterwerb, um sich das Verfassen von Büchern erlauben zu können.
In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Dezember 2025 wurde Didier Eribon von der Doktorandin Milena Feldmann, Universität Frankfurt, interviewt. Dort forscht sie zu dem Thema:
FORMEN DER GESTALTUNG VON ÜBERGÄNGEN IM LEBENSLAUF
Ein Ausschnitt aus dem Interview:
Feldmann:
Ihre Mutter rief Sie aus dem Heim an und klagte, vernachlässigt und misshandelt zu werden. Das sie aufgrund einer dementiellen Erkrankung manchmal halluzinierte, wussten Sie nicht, was Sie ihr glauben konnten.
Eribon:
Das ist der Ausgangspunkt meines Buches. Die Nachrichten, die meine Mutter mir nachts auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte und ich morgens beim Aufwachen vorfand, waren voller Angst, Panik und Verzweiflung. Ich werde hier misshandelt, ich bin unglücklich, ich darf nicht duschen. Wenn ich klingel, weil mir kalt ist, kommt niemand, um das Fenster zu schließen.
Am nächsten Tag rief ich die Ärztin des Hauses an und sie erklärte mir, dass es nicht genug Personal gäbe. Deshalb sei das Duschen nur einmal pro Woche möglich. Da habe ich mich gefragt, wie kann es sein, dass ältere Menschen nur einmal pro Woche duschen dürfen. Was ist das für eine Gesellschaft? Es gibt offenbar keinen politischen Willen, staatliche Pflegeheime angemessen zu finanzieren.
Die Stimme meiner Mutter war ein politischer Protest, aber es gab nur einen einzigen Adressaten, mich. Also habe ich dieses Buch geschrieben und mich zum Sprachrohr meiner Mutter genannt.
LEKTÜRE NOTIZ
Gestorben an Vereinsamung und Verlassenheit
Im Zentrum des Buches steht die Rekonstruktion der Biografie der Mutter Eribons. Er beschreibt ein Leben, das von Knappheit und Zwang strukturiert war: das Leben einer Frau, die an einen brutalen Ehemann gekettet, die sich sogar in ihren Träumen bescheiden musste. Diese nüchternen, gleichzeitig berührenden Rückblicke verdichten sich zu dem bitteren Befund, den der Autor ausdrücklich festhält: "Seine Mutter sei ihr ganzes Leben lang unglücklich gewesen. Die Rückkehr in die Vergangenheit dient nicht dem Trost, sondern einer genauen, faktengetreuen Erzählung über die Grenzen, Verletzungen und das stille Ausharren, das den Alltag einer Arbeiterin über Jahrzehnte bestimmte."
Das Buch ist dezidiert politisch und richtet den Blick auf eine verdrängte Realität: Eribon legt schonungslos offen, wie Politik und letztlich die Gesellschaft insgesamt die skandalöse Situation vieler alter Menschen lange ausgeblendet haben.
- Aus der individuellen Geschichte der Mutter wird so eine exemplarische Fallstudie für strukturelle Vernachlässigungen, die sich im Pflege- und Alterssystem niederschlagen.
Die literarische Chronik wird zur Anklage, die institutionelle Verantwortlichkeiten anspricht und die moralische Blindheit gegenüber den Lebenslagen der Alten sichtbar macht. Neben der politischen Schärfe entfaltet Eribon seine Qualität als Erzähler und Soziologe: In suggestiven Episoden und berührenden Erinnerungen zeigt er, welche Bedeutung Familie und Herkunft für die Identität haben. Ein prägnantes Detail ist der Kauf eines Dialektwörterbuchs, um die Stimme der Mutter im Ort gleichsam wieder hörbar zu machen – ein Symbol für die Zugehörigkeit zu einer lokalen Kultur und die Verwurzelung in Sprache. So entsteht das dichte Porträt einer untergegangenen Welt: das Milieu der französischen Arbeiterklasse mit seinen Sorgen, Formen der Solidarität und seinen Vorurteilen. Die narrative Präzision und die soziologische Tiefenschärfe verbinden sich zu einem literarischen Dokument über Klasse, Bindung und Erinnerung.
- Eine biografische Erzählung, eine intime Rückschau auf das entbehrungsreiche Leben der Mutter Eribons verbunden mit scharfer sozialer Analyse.
- Das Leben der Mutter ist geprägt von patriarchalen Machtverhältnissen, von einem Leben voller Unglück als Resultat sozialer Verhältnisse.
- Die Pflegeinstitution erscheint als Ort der Entfremdung, Anonymität und des gesellschaftlichen Wegorganisieren des Alters.
- Pflegequalität und soziale Anerkennung der Sorgearbeit bleiben unterrepräsentiert.
Das Buch verweist auf die Notwendigkeit sozialstaatlicher Reformen, faire Löhne für Sorgeberufe, armutsfreie Renten und kulturelle Anerkennung von Alter und Sorgearbeit.
- "Die Arbeiterinnen" ist weniger ein Roman im klassischen Sinn als ein politisch-literaisches Zeugnis. Der Text fordert Leser*innen heraus: Er ist anspruchsvoll, unbequem, kein Unterhaltungsroman.
- "Die Arbeiterinnen" ist ein ein stiller, eindringlicher Text, politisch hochbrisant.
- "Die Arbeiterinnen" ist auch ein Appell zur gesellschaftsplitischen Selbstbefragung: Wie gehen wlr mit Alter um?
Bewertung:: ★★★★★ (5/5 Sterne)
horst g. flämig | moderation LiWe
Für alle alten Menschen sind Altenheime „Einöden der Einsamkeit“, die sie in der letzten Lebensphase von der Gemeinschaft isolieren.
Norbert Leo Elias (geb. 22. Juni 1897 in Breslau; gest. 1. August 1990 in Amsterdam) war ein deutsch-britischer Soziologe, der nach seiner Emigration 1933 hauptsächlich in England und den Niederlanden lebte. Er wuchs in Breslau in einer jüdischen Familie auf.