Literatur in Wersten | Mein Lesekreis

Das Düsseldorf - Special

Im Zeichen der Spinne

Mopsa Sternheim

Mopsa Sternheims autobiografisches Werk, posthum erschienen im Wallstein Verlag (2025).

  • Ein Buch von historischem Gewicht. 
  • Ein Buch von beunruhigender Aktualität.


Der Roman der NS-Widerstandskämpferin Mopsa Sternheim, 1905 geboren als Dorothea Sternheim im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel, galt jahrelang als verschollen. Aufgetaucht ist er in einem Koffer in der Landesbibliothek in Oldenburg. 

Dorothea Sternheim (Kosename Mopsa) erzählt, was es für eine Frau der 1920er und 1930er Jahre bedeutet, wenn sich in einer traumatisierten und desillusionierten Gesellschaft ein männlicher Gewaltkult erneut Bahn bricht. 

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Wiedergefundener Roman über die NS-Zeit 

Im Zeichen der Spinne

Vivan liebt das Nachtleben, die Kunst und ihre Freiheit. Die Nächte verbringt sie in den queeren Künstlerkreisen in Berlin, während draußen die Weltwirtschaftskrise tobt. Sie verliebt sich unglücklich in einen wesentlich älteren Dichter, die Affäre endet und Vivan versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie überlebt knapp und trifft die Entscheidung für ein emanzipiertes Leben. Doch dann geht sie ein Verhältnis mit Michael ein. Ein Künstler, der wie sie auf der Suche nach seinem Platz in der Welt ist. Als Vivan schwanger wird, muss sie neue Pläne für ihr Leben fassen – zeitgleich übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.
Mopsa Sternheim erzählt, was es für eine Frau der 1920er und 1930er Jahre bedeutet, wenn sich in einer traumatisierten und desillusionierten Gesellschaft ein männlicher Gewaltkult erneut Bahn bricht.

In expressionistischer, reduzierter Sprache schildert die Autorin anhand der Biographien von Vivan und Michael die verheerenden machtpolitischen und gesellschaftlichen Dynamiken am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sternheims analytischer Blick steht dabei dem Scharfsinn Gabriele Tergits in nichts nach. 

19 Jahre lang hat Dorothea Sternheim an ihrem Roman über die NS-Zeit gearbeitet. 70 Jahre nach Vollendung ist „Im Zeichen der Spinne“ nun erschienen. 
»Im Zeichen der Spinne« ist der einzige Roman von Mopsa Sternheim. Er galt lange als verloren, bis er in einem Koffer in der Landesbibliothek Oldenburg entdeckt wurde. Er erscheint nun erstmals ediert, kommentiert und mit einem Nachwort versehen, das von der abenteuerlichen Überlieferungsgeschichte und der außergewöhnlichen Biographie der Autorin erzählt. 

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Mopsa Sternheim

Foto © Thomas Ehrsam

Mopsa Sternheim (1905-1954), geboren als Dorothea Sternheim, Tochter von Carl und Thea Sternheim, war Bühnenbildnerin und Schriftstellerin. Sie war mit Klaus und Erika Mann, Annemarie Schwarzenbach und Pamela Wedekind befreundet. 1933 ging sie nach Paris ins Exil und schloss sich dort der Résistance an. 1943 wurde sie verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern, u. a. in Ravensbrück, interniert.

Die Herausgeber

Rudolf Fietz

Rudolf Fietz, geb. 1957, studierte Germanistik, Philosophie, Erziehungswissenschaft, Allgemeine Sprachwissenschaften; bis zu seiner Pensionierung 2023 tätig als wissenschaftlicher Bibliothekar in der Landesbibliothek Oldenburg; Publikationen zu Friedrich Nietzsche, Johann Friedrich Herbart und bibliothekswissenschaftlichen Themen.

Gisela Niemöller

Gisela Niemöller, geb. 1957, studierte Germanistik, Anglistik, Erziehungswissenschaft; arbeitete bis zum Ruhestand im Bereich Familienberatung, Mediation, Supervision. Publikationen zu frauenhistorischen und pädagogischen Themen.

LEKTÜRE NOTIZEN

horst g. flämig

(DOWNLOAD)

Die Literatur der Weimarer Republik (1918–1933) ist ein faszinierendes Spiegelbild einer Gesellschaft im Umbruch. Zwischen den Trümmern des Ersten Weltkriegs und dem aufziehenden Schatten des Nationalsozialismus entfaltete sich eine Epoche der Extreme: kulturelle Blüte und politische Instabilität, wirtschaftliche Krisen und eine nie dagewesene gesellschaftliche Liberalisierung. In diesem Spannungsfeld traten Autorinnen hervor, die mit scharfem Blick die Realitäten ihrer Zeit analysierten und die Rolle der Frau neu verhandelten. Eine dieser Stimmen ist Mopsa Sternheim, deren Roman »Im Zeichen der Spindel« (posthum veröffentlicht) als eindringliches Zeugnis dieser Ära gelten kann.

Diese Lektüre Notizen geben eine kleine Zusammenfassung  dieses Werks und seine Verflechtung mit der Biografie der Autorin wieder, wie der Roman die Themen Emanzipation, künstlerische Freiheit, unglückliche Liebe und die Bedrohung durch einen erstarkenden männlichen Gewaltkult miteinander verwebt. Dabei dient Sternheims Werk als exemplarisches Beispiel für die literarische Verarbeitung der gesellschaftlichen Zerrissenheit am Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Mopsa Sternheim und Gottfried Benn: Eine biografische Verflechtung

Als Tochter des Dramatikers Carl Sternheim und der Schriftstellerin Thea Sternheim wuchs Mopsa in einem intellektuellen und künstlerisch geprägten Umfeld auf. Ihr Leben war jedoch von persönlichen Tragödien und einer schicksalhaften Beziehung geprägt: ihrer obsessiven und letztlich zerstörerischen Liebe zum wesentlich älteren Dichter Gottfried Benn.

Diese Beziehung, die in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt und ihr tragisches Ende fand, hinterließ bei Sternheim tiefe seelische Wunden, die sie zeitlebens nicht überwinden konnte. Benn, eine zentrale Figur des literarischen Expressionismus und später eine ambivalente Gestalt im Kontext des Nationalsozialismus, verkörperte für sie sowohl die Faszination des genialen Künstlers als auch die emotionale Kälte und Unnahbarkeit, die sie in den Ruin trieb.

Im Roman „Im Zeichen der Spinne“ verarbeitet Sternheim ihr eigenes Trauma, indem sie es in die fiktive Figur der Protagonistin Vivian überträgt. Die Parallelen zwischen der Romanhandlung und ihrer eigenen Biografie sind unübersehbar und machen das Werk zu einem Schlüsseltext für das Verständnis der komplexen Dynamiken zwischen Geschlecht, Kunst und Macht in dieser Epoche.

Der männliche Gewaltkult als gesellschaftliches Phänomen

Der im Roman thematisierte „männliche Gewaltkult“ ist nicht nur eine private, auf die Beziehung zu einem Mann bezogene Erfahrung. Er ist ein Symptom der Zeit. Die Weimarer Republik war eine posttraumatische Gesellschaft. Die Männer, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, waren oft brutalisiert und desillusioniert. Rechte Freikorps und politische Verbände pflegten einen Kult der Härte, Kameradschaft und Gewaltbereitschaft, der sich gegen die als „weiblich“ und „schwach“ empfundene Demokratie richtete. Dieser Kult fand seinen extremsten Ausdruck in der Ideologie des Nationalsozialismus. Sternheims Roman fängt diese Atmosphäre ein, in der persönliche Beziehungen durch dieselben Muster von Dominanz und Unterwerfung geprägt werden, die auch die politische Landschaft vergiften.

Der Roman entfaltet ein lebendiges Panorama des Berlins der späten 1920er und frühen 1930er Jahre – einer Metropole im Rausch und in der Krise. Die Protagonistin Vivian dient als Brennglas, durch das die gesellschaftlichen Widersprüche sichtbar werden.

Vivian: Zwischen Bohème und Existenzkampf

Vivian ist eine moderne Frau, eine Figur der „Neuen Frau“, wie sie in der Weimarer Republik propagiert wurde. Sie verkörpert den Wunsch nach Autonomie und Selbstverwirklichung:

  •  Freiheit und Nachtleben: Sie liebt die Kunst, ihre persönliche Freiheit und stürzt sich in das pulsierende Nachtleben Berlins.


  • Queere Künstlerkreise: Ihre soziale Heimat findet sie in den subkulturellen, queeren Künstlerkreisen. Diese Nischen boten Freiräume jenseits bürgerlicher Konventionen und waren Zentren der avantgardistischen Kultur. Hier konnte eine alternative, nicht-normative Identität gelebt werden.


  • Kontrast zur Außenwelt: Während Vivian die Nächte durchtanzt, tobt draußen die Weltwirtschaftskrise (ab 1929). Dieser Kontrast zwischen innerer, hedonistischer Freiheit und äußerem, ökonomischem Kollaps ist ein zentrales Merkmal der Epoche. Der Tanz auf dem Vulkan wird zur Metapher für eine ganze Generation. 

Die toxische Liebe und der Bruch

Ein Wendepunkt in Vivians Leben ist die unglückliche Liebesaffäre mit einem wesentlich älteren, berühmten Dichter – eine kaum verhüllte Anspielung auf Gottfried Benn. Diese Beziehung ist von einem starken Machtgefälle geprägt und endet für Vivian in einer Katastrophe. Die Zurückweisung und emotionale Zerstörung führen sie zu einem Suizidversuch.

Ihr knappes Überleben markiert einen entscheidenden Moment der Selbstermächtigung. Vivian trifft die bewusste Entscheidung für ein emanzipiertes Leben. Sie will sich aus der emotionalen Abhängigkeit befreien und ihre Existenz selbst in die Hand nehmen. Dieser Akt des Überlebens ist ein Akt des Widerstands gegen die zerstörerische Kraft einer toxischen Männlichkeit und ein Bekenntnis zur eigenen Lebenskraft.

Schwangerschaft und die Machtübernahme der Nationalsozialisten

Gerade als Vivian den Weg in ein selbstbestimmtes Leben einschlägt, wird sie mit zwei Ereignissen konfrontiert, die ihre Pläne radikal durchkreuzen:

1. Die Schwangerschaft: 

Eine ungeplante Schwangerschaft zwingt sie, ihre neu gewonnene Freiheit fundamental zu überdenken. Die Rolle der Mutter stand im Widerspruch zum Ideal der unabhängigen Künstlerin und stellte sie vor existenzielle Entscheidungen.

2. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten (1933): 

Gleichzeitig bricht die äußere Welt mit brutaler Gewalt in ihr Leben ein. Die Nationalsozialisten zerstören die liberalen Freiräume der Weimarer Republik. Die queeren Künstlerkreise werden zerschlagen, die moderne Kunst als „entartet“ diffamiert und ein reaktionäres Frauenbild propagiert, das die Frau auf ihre Rolle als Mutter und Hüterin der „Rasse“ reduziert.

Der Roman endet somit an einem Punkt, an dem die persönliche Krise Vivians mit der kollektiven Katastrophe Deutschlands verschmilzt. Ihr individueller Kampf um Emanzipation wird Teil eines größeren, aussichtslos erscheinenden Kampfes gegen ein totalitäres Regime. Die „Spinne“ im Titel kann als Metapher für Gefahr, drohendes Unheil (das Netz als Falle) gedeutet werden.

RESÜMEE

"Im Zeichen der Spinne" ist mehr als nur ein autobiografischer Roman. Er ist ein gewaltiges Zeitdokument, das aus einer spezifisch weiblichen Perspektive erzählt wird.

  • Das Werk verbindet Literaturgeschichte mit Sozialgeschichte, Gender Studies und politischer Geschichte. Es zeigt, wie eng private Schicksale mit politischen Umwälzungen verknüpft sind.


  • Der Roman steht in der Tradition der „Neuen Sachlichkeit“, die eine nüchterne, beobachtende Darstellung der Realität anstrebte, ist aber gleichzeitig durch eine hohe emotionale und psychologische Intensität geprägt.


  • Die im Roman beschriebenen Themen – toxische Beziehungen, der Kampf um weibliche Autonomie und die Bedrohung liberaler Gesellschaften durch autoritäre, maskulinistische Ideologien – besitzen eine beunruhigende Aktualität.


Mopsa Sternheims Werk wurde erst lange nach ihrem Tod wiederentdeckt und gewürdigt. Es schließt eine wichtige Lücke in der Literaturgeschichte, indem es die Erfahrungen und die Perspektive einer Frau in den Mittelpunkt rückt, deren Stimme, wie die vieler anderer Frauen, im Kanon der von Männern dominierten Literaturgeschichte lange Zeit überhört wurde.
 

Bewertung:: ★★★★★ (5/5 Sterne)

Mopsa über ihr Werk:  „Mein Buch ist zu konstruiert, zu gewusst. Und kitschig, pathetisch immer, oft solennel“, also feierlich im Sinne von theatralisch. Und sie bekennt: „Wenn das Thema nicht so maaßlos schwer wäre – ich habe mich übernommen.“ 

 1920er und 1930er Jahre

Spannung zwischen Glamour und Krisen, dem Aufbruch der Weimarer Kultur (Kunst, Kabarett, Tanz) und dem Nachklang des Ersten Weltkrieges.