ab 4 Jahren
OBACHT!
Kerstin Hau | Stella Dreis
Obacht! Da liegt ein riesiges Tier vor unserer Stadt! Da müssen wir etwas machen. Decke drüber, Straße drumherum....Doch alles Machen nützt nichts. Nur das Mienchen hat die rettende Idee. Aber wer hört schon auf Mienchen?
Eine Geschichte über das miteinander Reden, aufeinander Zugehen und voneinander Lernen.
Im Bilderbuch blättern.
"OBACHT!", warnt der Wimpf. "Da liegt ein VERBORGENES Tier vor unserer Stadt!"
Lektüre Notiz
„Obacht!“ ist ein Bilderbuch, das eine scheinbar banale Ausgangssituation – ein riesiges, unbekanntes Tier liegt vor der Stadt und versperrt den Weg – nutzt, um essenzielle Themen unserer Zeit zu behandeln: Umgang mit dem Unbekannten, dem Unvertrauten, gemeinschaftliches Handeln und die Kraft des Zuhörens.
Vor der Stadt liegt ein gigantisches Tier. Die Stadtbewohner reagieren prompt: „Da muss etwas gemacht werden.“ Es folgen typische „Lösungen“ – Zudecken, Brücke drüber, Straße drumherum. Das Problem scheint strukturell gelöst, doch die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Was ist der Grund für sein Verweilen?
Der Chor der Stadt greift zu bekannten, technischen Mitteln. Der Wompf tönt „Ei ei ei“, die Timpe-Ma stöhnt „Oje“. Nur Mienchen widerspricht der emsigen Betriebsamkeit. Mienchen schüttelt den Kopf und entscheidet sich für eine andere, substanzielle Aufklärung: Es spricht das Tier direkt an.
Das Gespräch statt der Aktionismus:
Mienchen zeigt, dass Mit- und Zueinander nur über echte Begegnung und Zuhören funktioniert. Erst, als jemand das fremde Wesen adressiert und seine Perspektive ernst nimmt, öffnet sich eine Lösung, die nicht „über“ das Tier hinweg geht, sondern „mit“ ihm entsteht.
Miteinander reden:
Das Buch verteidigt Gesprächskultur gegen die Reflexe des schnellen, vermeintlichen Problemlösens.
Aufeinander zugehen:
Statt Distanz zu schaffen (Brücke drüber, Straße drumherum), geht Mienchen in die Beziehung. Das Unbekannte wird dadurch nicht umgangen, sondern verstanden.
Voneinander lernen:
Die Begegnung mit dem Fremden eröffnet Lernräume. Das Motto „Alles ist unbekannt, bis du es kennenlernst“ fasst die Haltung zusammen: Wissen entsteht im Kontakt, nicht im Rückzug.
Bildsprache und Gestaltung:
Illustration:
Stella Dreis arbeitet mit reduzierten, klar gesetzten Bildern, die Projektion ermöglichen. Diese Bildsprache gibt Raum, eigene Gefühle und Lesarten hineinzulegen: Jedes Tier, jeder Stadtbewohner kann zum Spiegel der Leserinnen und Leser werden.
Rhythmus:
Der visuelle und sprachliche Rhythmus ist flott, humorvoll, präzise. Die Wiederholung der „Machen“-Gesten erzeugt Tempo, das durch Mienchens Ruhe gebrochen wird – ein gelungener dramaturgischer Kontrast.
Zeitgeistig:
Das Thema ist nicht an einen konkreten Ort oder eine Epoche gebunden, knüpft aber unmittelbar an aktuelle Debatten über Diversität, Vorbehalte gegenüber dem Fremden und konstruktive Konfliktlösung an.
Kinder verstehen den Kern: Frag nach, statt zu überdecken. Sprich an, statt auszuweichen. Die humorvollen Details senken die Hemmschwelle, das Unbekannte zu erkunden.
Für Erwachsene: Ein Spiegel für gesellschaftliche Routinen. Das Buch lädt dazu ein, die eigenen Bewältigungsstrategien zu hinterfragen und Kommunikationsräume zu öffnen.
Vorlesen, gemeinsam lesen und Gesprächsanlass:
Ideal für Kita, Grundschule und Familie. Die Geschichte bietet Anknüpfungspunkte für Gespräche über Angst, Vorurteile,Mut, Lösungen und Mitgefühl.
Stil und Sprache:
Kerstin Hau setzt knappe, klare Sätze, die in Erinnerung bleiben. Die Ausrufe („Ei ei ei“, „Oh je“) sind auditiv stark und eignen sich hervorragend fürs Vorlesen. Die Reduktion in den Worten korrespondiert mit der visuellen Klarheit. Der erzählerische Wechsel zwischen kollektiver „Macher“-Haltung und Mienchens individueller Initiative schafft eine natürliche Spannungskurve.
Resümee:
„Obacht!“ ist ein kluges, warmherziges Bilderbuch, das zeigt, wie wir Unbekanntem. Unvertrautem begegnen können: nicht durch Umgehung, sondern durch Beziehung. Es feiert das Gespräch als Schlüssel, Empathie als Methode und Lernen als gemeinsamen Prozess.
Ein starkes Vorlesebuch mit Humor, Herz und Haltung, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen erreicht und lange nachhallt. Die Erzählung entfaltet sich mit Tempo, Humor und Klarheit und bleibt dabei zugleich zeitlos und zeitgeistig.
OBACHT hat einen festen Platz im Düsseldorfer Literaturhäuschen LiWe.
Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne)
horst g. flämig
"oje! wo sind die mienchen in unserem land? "
Kerstin Hau
Foto © Marc Hau
Kerstin Hau schreibt seit 2015 am liebsten feinsinnige Bilderbücher. Ihre Werke werden in viele Sprachen übersetzt. Sie erzählt mal humorvoll, mal ernst über universelle Themen. Persönliche Erfahrungen, wie der Verlust ihres Sohnes, prägen ihre Arbeit. Wohnhaft in Darmstadt, lebt sie im Stadtteil ihrer Kindheit. Ihr Motto: Im Kleinen das Großartige entdecken.
Stella Dreis
Foto © Susanna Wengeler
Stella Dreis wurde in Plovdiv, Bulgarien, geboren. 1995 zog sie nach Deutschland, wo sie zunächst Modedesign studierte. Heute lebt und arbeitet sie als freie Illustratorin in Heidelberg. Ihr Werk wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Kinderbuchpreis für die beste Illustration. Zuletzt wurde Stella Dreis für den Astrid Lindgren Memorial Award 2025 nominiert. Ihre Bilder stellt sie international aus.
Timpe-Pa: "Problem erkannt. Gefahr gebannt. Jetzt sehen wir das Tier nicht mehr"
Ja, unsere Straße ist toll. Das ist die BESTE Straße, die wir je gebaut haben.