RAUS AUS DER ABHÄNGIGKEIT!
Ein Weckruf
DAS ERWACHSENE LAND
Deutschland ohne Amerika - eine historische Chance
Holger Stark | Stellvertretender Chefredakteur der ZEIT
Ohne Amerika kein Europa, ohne US-Soldaten keine Sicherheit – das war die Formel, die seit dem Zweiten Weltkrieg galt. Mit Donald Trump geht diese Epoche unwiderruflich zu Ende. Die Amerikaner sind keine Freunde mehr. Für die Babyboomer und alle danach, die mit Jeans von Levi’s und Big Macs aufgewachsen sind, bedeutet dies das Ende eines Weltbildes.
Holger Stark analysiert tiefenscharf und aus nächster Nähe, warum Trumps USA keine Momentaufnahme ist, sondern der Beginn von etwas Neuem. Der preisgekrönte Journalist und Bestsellerautor sagt, worauf wir uns einstellen müssen: Auf der Grundlage von Gesprächen mit Regierenden und Ministern in Berlin, Brüssel und Washington rekonstruiert er die Fehler der vergangenen 25 Jahre – und entwirft ein Bild, wie eine Zukunft jenseits von Amerika aussehen könnte. Für Deutschland ist es an der Zeit, erwachsen zu werden. Es könnte ein zweiter Mauerfall-Moment werden.
Der transatlantische Sicherungskonsens ist nicht mehr tragfähig als alleinige Sicherheitsarchitektur Europas.
Der „perfekte Sturm“ amerikanischer Krisen – innenpolitische Polarisierung, geopolitische Neupriorisierung, wirtschaftlicher Strukturwandel, digitale Disruption – verändert die Erwartbarkeit amerikanischer Politik.
Deutschland hat eine historische Chance: strategische Eigenständigkeit als Ergänzung, nicht als Ersatz, transatlantischer Kooperation.
HOLGER STARK
Foto © Nina Mallmann
Holger Stark, geboren 1970, ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und zählt zu den renommiertesten Journalisten des Landes. Er berichtet seit 30 Jahren über die USA, von 2013 bis 2017 verfolgte er als Korrespondent in Washington Donald Trumps Aufstieg. Seine Enthüllung (zusammen mit Kollegen), dass die NSA das Handy von Angela Merkel abgehört hatte, löste eine schwere Krise im deutsch-amerikanischen Verhältnis aus. 2014 wurde Stark zum »Journalisten des Jahres« gewählt. Er gewann dreimal den Henri-Nannen-Preis und viermal den Deutschen Reporter:innenpreis. Seine Bücher Staatsfeind Wikileaks und Der NSA-Komplex waren SPIEGEL-Bestseller.
Aus dem scheinbar verlässlichen Partner USA ist innerhalb von wenigen Monaten ein irrlichternder möglicher Gegner der Europäischen Union und damit auch der Bundesrepublik Deutschland geworden.
"Wir sollten aus diesem etwas komischen, auch von Minderwertigkeitskomplexen geprägten Verhalten herauskommen - als ob wir immer erstmal darauf zu achten hätten, ob in bestimmten Washingtoner Büros jemand die Stirn kräuselt"
Willy Brandt (1982)
LEKTÜRE NOTIZ
horst g. flämig
Die sicherheitspolitische Grundformel der Bundesrepublik – „Ohne US‑Soldaten keine Sicherheit“ – kollabiert, weil die USA unter Donald Trump die Nachkriegsrolle als verlässlicher europäischer Schutzmacht aufkündigen; die Erzählung vom „Freund Amerika“ trägt kulturell weiter, strategisch nicht mehr, und genau diese Diskrepanz zwingt zum Umdenken.
Der vorliegende Text skizziert eine zugespitzte Diagnose der transatlantischen Beziehungen und eine daraus abgeleitete programmatische Suchbewegung für Deutschlands künftige Rolle.
Zentrale Aussage ist der Bruch mit einer seit 1945 wirksamen Grundformel: Sicherheit in Europa sei ohne die USA nicht zu haben. Mit Donald Trump als Katalysator (weniger als alleinige Ursache) gelte diese Prämisse nicht mehr; die Epoche der selbstverständlichen amerikanischen Sicherheitsgarantie endet. Daraus folgt eine doppelte Erschütterung: außenpolitisch-strategisch (Erosion der Abschreckungs- und Bündnissicherheit) und kulturell-mental (das Weltbild der Babyboomer und nachfolgenden Generationen, sozialisiert mit amerikanischer Popkultur, Marken und einem hegemonialen Narrativ der Freundschaft).
Die Darstellung Starks verbindet drei Stränge:
- Diagnose: In den USA haben sich „verschiedene Krisen“ zu einem perfekten Sturm verdichtet. Gemeint sind gesellschaftliche Polarisierung, institutionelle Spannungen, geopolitischer Fokuswechsel und Ermüdungserscheinungen der Pax Americana.
- Rekonstruktion: Wie es zu diesem Epochenbruch kommen konnte, wird historisch-journalistisch nachgezeichnet. Trumps Auftreten fungiert als sichtbarer Bruch, verweist aber auf tieferliegende Trends.
- Perspektive: In Form einer „packenden Reportage“ wird ein Weg aus der Abhängigkeit skizziert. Es geht um einen deutschen Lernprozess hin zur strategischen Selbstständigkeit.
Im Kern steht die Leitfrage: Wie sähe ein Deutschland aus, das „auf eigenen Füßen“ steht? Der Text deutet an, dass Selbstständigkeit mehr ist als militärische Kapazität. Sie umfasst:
- strategische Autonomie in Europa (Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit ohne automatische US-Garantie),
- wirtschaftliche und technologische Resilienz (Unabhängigkeit in Schlüsselbereichen),
- eine mentale Neupositionierung (Abschied von amerikanischer Selbstverständlichkeit zugunsten europäischer Eigenlogik).
Die Tonlage ist alarmierend, aber nicht defätistisch: Aus der Krise wird eine „historische Chance“ abgeleitet—sowohl für Deutschland als erwachsenes Land als auch für ein neu zu bestimmendes Verhältnis zu Amerika. Damit verbindet der Text Kritik am Status quo mit einem emanzipatorischen Impuls: Abhängigkeiten identifizieren, Alternativen entwerfen, Handlungsfähigkeit gewinnen.
Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne)
RESÜMEE
- Ein kluges, analytisch starkes Sachbuch.
- Komplexe, geopolitische Zusammenhänge werden verständlich und rational dargestellt.
- Exzellente Recherearbeit - Insidergespräche verleihen Authentizität.
- Wer wissen will, welche Rolle Europa und Deutschland künftig spielen könnten, findet hier eine fundierte Orientierung, ohne Alarmismus.
- Eine historische Chance für politische Souveränität.
- Deutschland muss Verantwortung übernehmen. Auf den "großen Bruder" kann man sich nicht mehr verlassen.
Was Deutschland konkret tun muss.
1. Verteidigung und Abschreckung
- Luftverteidigungsschirm staffeln:
- Kurz-/Nächstbereichsschutz gegen Drohnen und Marschflugkörper.
- Mittel-/Langstrecke, inkl. integrierter Sensorfusion und BMD-Elementen.
- Munitions- und Ersatzteilwirtschaft: mehrjährige Rahmenverträge, Standardkaliber, europäische Fertigungskapazitäten.
- Führungs-, Aufklärungs-, Kommunikationssysteme (C4ISR): sichere Satellitenkommunikation, SIGINT/IMINT, Datenfusionsplattformen.
- Übungsintensität und Bereitschaftsgrade erhöhen; Logistikkorridore und Host Nation Support ausbauen.
2. Nukleare Mitverantwortung ohne Proliferation
- Stärkung der nuklearen Teilhabe und glaubwürdige Trägersysteme.
- Europäischer Dialog zu „nuclear sharing 2.0“: Planungs- und Konsultationsmechanismen vertiefen.
- Rüstungskontrollpolitik wiederbeleben, um Eskalationsrisiken zu mindern.
3. Wirtschaftliche Sicherheit
- Rohstoffstrategie: strategische Reserven, Recyclingquoten.
- Technologiepolitik:
- Halbleiter: europäische „specialty nodes“ und ausgewählte „advanced nodes“.
- Souveräne Cloud- und Datenräume (Interoperabilität statt Abschottung).
- Dual-Use-Förderung in Robotik, Sensorik, EW, Quantentechnologien.
- Export- und Investitionsprüfung: präzise, risikogewichtet, innovationsfreundlich.
4. Gesellschaftliche Resilienz
- Zivilschutz modernisieren: Blackout- und Cyber-Notfallpläne, Pufferlager kritischer Güter.
- Desinformationsresistenz: Medienkompetenz, Transparenz von Plattformalgorithmen, Rapid-Response-Teams.
- Bürgerservice und Reserve: Technische Hilfswerke, Sanitäts- und Cyberreserven als Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft.