2666

Roberto Bolaño 

INHALT

Ein Quartett durchgedrehter Philologen, das einen verschollenen Schriftsteller jagt. Ein Kommissar in einer mexikanischen Wüstenstadt, in der Hunderte von Frauen vergewaltigt und ermordet wurden. Ein amerikanischer Journalist, der dort über einen Boxkampf berichten soll und sich verliebt. Und in ebendieser Stadt wurde der Schriftsteller zuletzt gesehen. Alles hängt mit allem zusammen, die Wege und die Spuren kreuzen sich.
 

  • Erscheinungsdatum: 09.09.2011
  • 1200 Seiten 


Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom Fischer Verlag, Frankfurt am Main, zur Verfügung gestellt. 

OPUS MAGNUM

bolañoesk

Frauenmorde | Literaische Obsessionen | Kultbuch der Postmoderne 

Wolfgang Höbel, Der Spiegel, 07.09.09


Ein Meisterwerk. Das aufregendste Buch eines lateinamerikanischen Schriftstellers seit Gabriel García Márquez' 'Hundert Jahre Einsamkeit'." 

Ijoma Mangold, Die Zeit, 10.09.09


"Roberto Bolano ist die große weltliterarische Entdeckung der vergangenen zehn Jahre … Mit '2666' ist etwas wirklich Neues in die Welt gekommen: ein Meilenstein der literarischen Evolution." 

Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 13.12.09

"Er gilt als der bedeutendste Schrifsteller spanischer Sprache." 

Felicita von Lovenburg, FAZ, 17.07.09

"Für '2666' muss man eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen: bolañoesk."

Volker Weidermann, Der Spiegel, 15.10.17


"Roberto Bolanos manisch-realistisches Meisterwerk." 

Roberto Bolaño 

(* 28. April 1953 in Santiago de Chile; † 14. Juli 2003 in Barcelona)

Um die Lebensgeschichte Roberto Bolaños sind viele Legenden entstanden, wozu der Autor selbst durch irreführende und ironische Angaben stark beigetragen hat. Aufgewachsen im regenreichen Süden Chiles, reiste er in seiner Kindheit wegen häufiger Wohnortwechsel seiner Eltern kreuz und quer durch das Land. Der Vater war Lkw-Fahrer und Berufsboxer. Als Schüler litt Roberto an Legasthenie. Mit 13 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Mexiko-Stadt, wo er seine Jugend verbrachte.

1973 kehrte er nach Chile zurück, um am Aufbruch unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende teilzuhaben. Nach dem Putsch in Chile 1973 wurde er acht Tage lang gefangen gehalten, bevor er mit Hilfe von Freunden das Land verlassen konnte. Er ging nach El Salvador und später zurück nach Mexiko. Mit dem mexikanischen Dichter Mario Santiago Papasquiaro und anderen gründete er die avantgardistische Gruppe der Infrarealisten, die gegen den etablierten Literaturbetrieb rebellierten.

Nach dem Ende des Franco-Regimes siedelte er 1977 nach Spanien um. Er wohnte mit seiner Frau, der Sozialarbeiterin Carolina López, in Blanes, einem Küstenort bei Barcelona, wo auch seine beiden Kinder, Lautaro und Alexandra, geboren wurden. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Gelegenheitsjobs, im Sommer auf einem Campingplatz in Castelldefells. Dort lernte er zwischen 1978 und 1981 Miralles, einen Gast aus Frankreich kennen, der ihm seine Lebensgeschichte erzählte. Diesen Bericht gab Bolaño 2000 an Javier Cercas weiter, der den Stoff im zweiten Teil seines Romans „Soldaten von Salamis“ verarbeitete und in diesem Zusammenhang seinen Informanten Bolaño selbst zur literarischen Figur machte.

Nachdem er in seinen frühen Schaffensjahren ein unbekannter surrealistischer Lyriker geblieben war, feierte Bolaño 1996 mit „La literatura nazi en América“ (Die Naziliteratur in Amerika), einer fiktionalen Enzyklopädie rechtsgerichteter Literatur aus Chile und Argentinien, seinen ersten Erfolg im narrativen Bereich. Der Durchbruch gelang ihm 1998 mit dem Roman „Los detectives salvajes“ (Die wilden Detektive), für den er 1999 den renommierten lateinamerikanischen Literaturpreis Premio Rómulo Gallegos erhielt. Ein Jahr später folgte der Kurzroman Nocturno de Chile, ein Schlüsselroman um den chilenischen Opus-Dei-Priester und Literaturkritiker José Miguel Ibáñez Langlois. Dieses Werk erhielt zunächst nur wenig Aufmerksamkeit und wurde von Kritik und Leserschaft erst spät entdeckt, gilt heute aber vielfach als Meisterwerk. 

Nur 50-jährig starb Roberto Bolaño in Barcelona an einer Leberzirrhose – Folge einer unbehandelten Hepatitis-Erkrankung in seiner Jugend –, nachdem er vergeblich auf eine Organspende gewartet hatte. In seinem von seiner Frau Carolina López durchgesehenen Nachlass fand sich ein weiterer Roman: „Los sinsabores del verdadero policía“ (Die Nöte des wahren Polizisten). Sein letztes noch zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch, „Una novelita lumpen“ (2002) (deutsch Lumpenroman, 2010), und der postum veröffentlichte Roman „2666“, gelten als sein literarisches Vermächtnis.

QUELLE: WIKIPEDIA

2666

Ein apokalyptisches Gesellschafts-Kaleidoskop | Bildungsroman, Thriller und Reportage | Die Lesenden werden  an die Grenzen des Erträglichen und des Verstehbaren geführt.

lektüre notizen von horst g. flämig

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Der 2004 posthum veröffentlichte Roman "2666" gilt als das Hauptwerk des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Das monumentale Werk umfasst über tausend Seiten und ist in fünf miteinander verbundene Teile gegliedert. Obwohl die einzelnen Abschnitte unterschiedliche Figuren, Handlungsorte und Erzählweisen besitzen, kreisen sie alle um Gewalt, das Böse, kulturellen Verfall und die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz.

Erster Teil: Die Kritiker

Vier spleenige Literaturwissenschaftler – der Franzose Jean-Claude Pelletier, der Spanier Manuel Espinoza, die Engländerin Liz Norton und der Italiener Piero Morini – teilen eine beinahe obsessive Bewunderung für den geheimnisvollen deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi,  dem angeblich bedeutendsten deutschen Autor der Nachkriegszeit, einem Preußen mit dem eher unpreußischen Namen Benno von Archimboldi. Über sein Leben ist kaum etwas bekannt, was seine Faszination noch steigert.

Die Philologen reisen schließlich nach Santa Teresa, Santa Teresa, einer unwirtlichen, geschwürhaft wuchernden Wüstenmetropole an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, weil dort Hinweise auf Archimboldis Aufenthaltsort auftauchen. Während ihrer Suche werden sie mit einer Atmosphäre latenter Gewalt konfrontiert. Die Stadt wird von einer Serie ungeklärter Frauenmorde erschüttert. Die Gelehrten nehmen diese Verbrechen zwar wahr, bleiben aber vor allem auf ihre literarische Mission konzentriert. Bereits hier deutet Bolaño die zentrale Problematik des Romans an: die Gleichzeitigkeit von Kultur und Barbarei.

Zweiter Teil: Amalfitano

Im zweiten Teil des Romans übernimmt der örtliche Archimboldi-Spezialist, ein vom Wahn bedrohter Philosophieprofessor namens Amalfitano, die Erzählstimme. Er lehrt an einer Universität in Santa Teresa. Er lebt mit seiner Tochter Rosa in einer Umgebung, die zunehmend von Unsicherheit und Angst geprägt ist.

Amalfitano erlebt eine psychische Krise. Er fühlt sich von der Realität entfremdet und denkt über Philosophie, Literatur und die Geschichte Lateinamerikas nach. Berühmt geworden ist die Episode, in der er ein Geometriebuch im Freien auf eine Wäscheleine hängt, um dessen „Schicksal“ den Naturgewalten auszusetzen.

Der Abschnitt verbindet persönliche Verzweiflung mit gesellschaftlichem Zerfall. Die allgegenwärtige Gewalt von Santa Teresa wirkt wie ein Schatten über dem Leben aller Bewohner.

Dritter Teil: Fate

Der afroamerikanische Journalist Oscar Fate erhält den Auftrag, über einen Boxkampf in Santa Teresa zu berichten. Widerwillig reist er nach Mexiko und stößt dort auf die Berichte über die Frauenmorde.

Fate beginnt Nachforschungen anzustellen und erkennt die Gefährlichkeit der Situation. Gleichzeitig begegnet er Rosa Amalfitano. Als sich die Bedrohung zuspitzt, versucht er, sie aus der Stadt zu bringen.

Dieser Teil verbindet Elemente eines Kriminalromans mit einer Reflexion über Rassismus, Medien und die Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid.

Vierter Teil: Die Verbrechen

Der erschütterndste Teil des Romans dokumentiert die Morde an Hunderten von Frauen in Santa Teresa. Bolaño schildert nüchtern und beinahe protokollarisch die Auffindung der Leichen, polizeiliche Ermittlungen und die Hilflosigkeit der Behörden.

Die Opfer stammen meist aus armen Verhältnissen und arbeiten in den Fabriken der Grenzregion. Die Ermittlungen verlaufen im Sande, Verdächtige werden festgenommen und wieder freigelassen, Korruption und Inkompetenz sind allgegenwärtig.

Dieser Abschnitt ist das moralische Zentrum des Romans. Die Wiederholung der Gewalttaten erzeugt beim Leser ein Gefühl der Erschöpfung und des Entsetzens. Die Verbrechen erscheinen nicht als Ausnahme, sondern als Symptom einer kranken Gesellschaft.

Fünfter Teil: Archimboldi

Der letzte Teil enthüllt die Lebensgeschichte Benno von Archimboldis, dessen wirklicher Name Hans Reiter lautet. Er wächst in Deutschland auf, erlebt den Zweiten Weltkrieg und dient als Soldat der Wehrmacht.

Die Erfahrungen des Krieges prägen ihn nachhaltig. Nach dem Krieg entwickelt er sich zu einem bedeutenden Schriftsteller, zieht sich jedoch konsequent aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Biografie zeigt, wie eng Literatur, Geschichte und Gewalt miteinander verflochten sind.

Am Ende führt Bolaño verschiedene Handlungsstränge zusammen. Archimboldis Schicksal wird mit den Ereignissen in Santa Teresa verbunden, ohne jedoch alle Rätsel aufzulösen. Gerade diese Offenheit gehört zur Struktur des Romans.

Resümee

2666 ist ein außergewöhnlicher Roman, der sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Er vereint Elemente des Bildungsromans, der Literaturkritik, des Kriminalromans, der historischen Erzählung und der philosophischen Reflexion. 2666 ist ein literarisches Ereignis, ein intellektuelles und emotionales Labyrinth, das den Leser an die Grenzen des Erträglichen und des Verstehbaren führt.

Eine der größten Stärken des Werkes liegt in seiner Vielschichtigkeit. Bolaño erschafft ein literarisches Universum, in dem scheinbar voneinander unabhängige Geschichten allmählich ein komplexes Netz bilden. Die Genialität Bolaños liegt in seiner Fähigkeit, scheinbar unvereinbare Welten zu einem beunruhigenden Ganzen zu verweben. 

Die akademische, fast sterile Suche eines Quartetts von Literaturwissenschaftlern nach einem Phantom-Autor steht in brutalem Kontrast zur rohen, physischen Gewalt der Frauenmorde in der mexikanischen Wüste. Doch Bolaño zeigt meisterhaft, dass beides zwei Seiten derselben Medaille sind: der Versuch des Menschen, dem Chaos einen Sinn abzuringen – sei es durch Kunst und Interpretation oder durch Verbrechen und Ermittlung.

Besonders beeindruckend ist die Darstellung von Santa Teresa. Die Stadt wird zu einem Symbol der modernen Welt, in der wirtschaftlicher Fortschritt, soziale Ungleichheit und extreme Gewalt nebeneinander existieren. Die Frauenmorde basieren erkennbar auf den realen Verbrechen in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, erhalten jedoch eine universelle Bedeutung.

Das Herz des Romans, „Der Teil von den Verbrechen“, ist eine literarische Grenzerfahrung. Die fast unerträglich detaillierte, protokollarische Aufzählung von Mordfällen entwickelt eine hypnotische Wucht. Es ist keine sensationslüsterne Darstellung, sondern eine Anklage durch Akkumulation. Bolaño zwingt uns, hinzusehen, wo die Gesellschaft wegschaut, und macht das Ausmaß der Tragödie spürbar, indem er jedem Opfer, und sei es nur für einen kurzen Absatz, eine Identität und eine Geschichte zurückgibt. Hier wird die Fiktion zum schmerzhaften Spiegel der Realität von Ciudad Juárez und damit zu einem universellen Mahnmal gegen die Entmenschlichung.

„2666“ ist eine Meditation über das Böse – nicht das metaphysische, abstrakte Böse, sondern das banale, alltägliche, das in der Korruption, der Gleichgültigkeit und dem Versagen gesellschaftlicher Strukturen gedeiht. Gleichzeitig ist der Roman eine tiefgründige Liebeserklärung an die Literatur selbst. Sie ist der einzige, wenn auch brüchige, Schutzschild gegen die Barbarei, die letzte Zuflucht in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Sprachlich verbindet Bolaño analytische Präzision mit poetischer Kraft. Seine Sätze wirken oft nüchtern, entfalten aber eine enorme emotionale Wirkung. Vor allem im Abschnitt „Die Verbrechen“ entsteht durch die sachliche Darstellung der Morde eine beklemmende Intensität.

2666 ist weit mehr als ein Roman über Serienmorde oder die Suche nach einem verschollenen Schriftsteller. Das Werk untersucht die dunklen Seiten der Moderne: Krieg, Gewalt, Entfremdung, Gleichgültigkeit und die Grenzen menschlicher Erkenntnis.

Roberto Bolaño gelingt es, individuelle Geschichten mit den großen Katastrophen der Geschichte zu verknüpfen. Die fünf Teile ergeben zusammen ein gewaltiges Panorama der menschlichen Existenz, das zugleich verstört und fasziniert.

Für Leserinnen und Leser, die anspruchsvolle, vielschichtige Literatur schätzen, gehört "2666" zu den bedeutendsten Romanen des frühen 21. Jahrhunderts. Seine Länge und Komplexität verlangen Geduld, werden jedoch mit einer außergewöhnlichen literarischen Erfahrung belohnt. Das Buch hinterlässt keine einfachen Antworten, aber einen nachhaltigen Eindruck von der Rätselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit der Welt.

„2666“ ist ein komplexes Mosaik, in dem sich die Wege der Charaktere kreuzen, ihre Spuren sich jedoch oft im Sand der Wüste und im Nebel der Geschichte verlieren. Der Roman zeigt eindringlich, wie Literatur, Verbrechen, Geschichte und individuelles Schicksal untrennbar miteinander verbunden sind, während die Welt selbst ein undurchdringliches und oft grausames Rätsel bleibt.

Die Lektüre von „2666“ ist keine leichte Reise. Sie ist fordernd, verstörend und oft frustrierend, weil sie mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Aber genau darin liegt ihre Größe. Bolaño verweigert einfache Lösungen und konfrontiert uns stattdessen mit der rätselhaften, oft schrecklichen Komplexität der modernen Welt.

„2666“ ist eine atemberaubende Reise ins Finsterherz der Gegenwart – ein Jahrhundertwerk, das noch lange nachhallt und seine Leserinnen und Leser für immer verändert. Ein unvergesslicher, weltweiter Bestseller, der diesen Status zu Recht verdient.


Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne) 

„Nur im Chaos sind wir denkbar.“ 

Roberto Bolaño , Buch 2666