EIN MENSCH IN DREI UNTERSCHIEDLICHEN LEBEN
Surreales Spiel mit Perspektiven, Zeitebenen und Metaebenen
SEHNSUCHT
SZCZEPAN TWARDOCH
Piontek reist durch verschiedene Realitäten, Epochen und Kontinente.
Erwin Piontek, Bergmann im Ruhestand, geht seinen Lebenstraum – eine Weltumseglung – bescheiden an: im Boot auf einem Stausee. Doch während er segelt, wird er ein anderer, beginnt für ihn eine höchst abenteuerliche Reise, die ihn durch Zeiten und Kontinente führt: Plötzlich kämpft er als Soldat in Deutsch-Südwestafrika, bald darauf gerät er in Gefangenschaft und soll in Berlin, um der Gerechtigkeit willen, einen grausamen Offizier töten, muss dann schwimmend flüchten, geht unter ... und taucht neugeboren 1979 wieder auf, wird polnischer Präsident und ringt um die Macht in einem nach rechts gerückten Europa.
Ein Mensch in drei unterschiedlichen Leben.
- Er kämpft als schlesischer Soldat in Deutsch-Südwestafrika.
- Er taucht im Jahr 1979 neugeboren auf, wird polnischer Präsident und ringt in einem nach rechts gerückten Europa um Macht.
- Er lebt in einer düsteren Dystopie des Jahres 2031.
Erscheinungsdatum: 19.06.2026
224 Seiten
Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom Rowohlt Berlin Verlag zur Verfügung gestellt.
foto © Jacek Poremba
SZCZEPAN TWARDOCH
(geboren 23. Dezember 1979 in Żernica, Polen) hriftsteller.
Twardochs Vorfahren sind seit 350 Jahren in Oberschlesien nachweisbar. Er selbst kam in Żernica, einer Ortschaft in der Gemeinde Pilchowice im Westen der heutigen Woiwodschaft Schlesien, zur Welt und studierte nach dem Abitur Soziologie und Philosophie an der Schlesischen Universität in Katowice.
Twardoch hat mehrere Romane veröffentlicht und erzielte mit Morfina 2012 den Durchbruch bei den polnischen Lesern. 2012 erhielt er den Literaturpreis „Paszport Polityki“, 2013 den „Nike“-Publikumspreis und 2015 den Preis der Kościelski-Stiftung. 2016 wurden sein Roman Drach und dessen Übersetzung durch Olaf Kühl mit dem Literatur- und Übersetzerpreis „Brücke Berlin“ ausgezeichnet. 2019 erhielt er den Samuel-Bogumil-Linde-Preis.
Für den im Warschau der Zwischenkriegsjahre handelnden Roman „Der Boxer“ holte sich Twardoch bei seinen Recherchen Hilfe bei der Jiddisch-Expertin Ewa Geller. Er sei „eine Art Tarantino der polnischen Geschichtsschreibung“, schrieb Katharina Teutsch in einer Besprechung seines Romans „Das schwarze Königreich“ von 2020. „Das, was alle Bücher Twardochs so brillant inszenieren, ist der ewige Widerspruch zwischen dem ideologischen Überbau und dem verstrickten Einzelschicksal.“
Twardoch zählt sich zur Minderheit der polnischen Schlesier und pflegt in seiner Familie die schlesische Sprache. Der Roman „Drach“ ist 2018 von Grzegorz Kulik in das Oberschlesische übersetzt worden. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt in Pilchowice sowie eine Woche im Monat in seiner Zweitwohnung in Warschau. Laut der taz ist er „der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller seines Landes“. Seine Popularität in Polen verdankt er auch der Tatsache, dass er das Gesicht einer Mercedes-Benz-Werbekampagne war.
Quelle: Wikipedia
Lektüre Notizen
horst g. flämig
Der Roman „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch ist ein literarisch anspruchsvolles Werk, das die Grenzen traditioneller Erzählstrukturen sprengt. Im Zentrum steht der Protagonist Erwin Piontek, dessen Leben sich nicht linear, sondern in drei distinkten, aber miteinander verwobenen Existenzen entfaltet. Twardoch nutzt diese fragmentierte Erzählweise, um universelle Fragen nach dem Wesen des Individuums und seiner Rolle in den Wirren der Geschichte zu stellen. Der Roman ist keine einfache Abenteuergeschichte, sondern eine philosophische und psychologische Reise durch verschiedene Realitäten, Epochen und Identitäten.
Der Ausgangspunkt der Erzählung ist bewusst bescheiden und symbolisch gewählt: Erwin Piontek, ein Bergmann aus Schlesien im Ruhestand, beginnt seinen Lebenstraum – eine Weltumsegelung – auf einem Stausee. Dieser Mikrokosmos wird zum Sprungbrett in eine Odyssee, die weit über die physische Welt hinausgeht und ihn in die Tiefen seiner eigenen möglichen Leben führt.
Die drei Leben des Erwin Piontek: Eine polyphone Charakterstudie
Der Kern des Romans liegt in der Darstellung von Erwin Piontek in drei fundamental unterschiedlichen Lebensentwürfen. Diese sind nicht als einfache Reinkarnationen zu verstehen, sondern vielmehr als alternative Realitäten, die parallel existieren und den Charakter aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
Handlungsstrang Eins:
Der Soldat: Deutsch-Südwestafrika um 1905
In seiner ersten Manifestation ist Piontek ein schlesischer Soldat im Dienst des Deutschen Kaiserreichs. Er kämpft in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika während des brutalen Kolonialkrieges gegen die Herero und Nama (ca. 1904–1908).
Historischer Kontext und Vertiefung:
Dieser Handlungsstrang konfrontiert den Leser mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte – dem Völkermord an den Herero und Nama. Twardoch nutzt diesen historischen Schauplatz, um Themen wie Kolonialismus, Rassismus, Gewalt und die Banalität des Bösen zu untersuchen. Piontek ist hier sowohl Täter als auch Opfer des Systems: ein einfacher Soldat, der Befehle ausführt, aber auch Zeuge und Teil unvorstellbarer Grausamkeit wird.
Charakterentwicklung:
In dieser Existenz wird Pionteks Verhältnis zu Autorität, Gehorsam und moralischer Verantwortung auf die Probe gestellt. Die Erzählung deutet an, dass er in Gefangenschaft gerät und den Auftrag erhält, in Berlin einen grausamen Offizier zu töten – ein Akt, der ihn vom passiven Befehlsempfänger zum aktiven Rächer oder Richter machen würde. Seine anschließende Flucht und das symbolische "Untergehen" markieren den Übergang in eine neue Existenz.
Handlungsstrang Zwei:
Der Präsident: Europa im späten 20. Jahrhundert
Nach seinem symbolischen Tod taucht Piontek wieder auf, „neugeboren“ im Jahr 1979. In dieser zweiten Lebenslinie vollzieht er einen dramatischen sozialen und politischen Aufstieg: Er wird Präsident von Polen.
Politische Dimension: Dieser Handlungsstrang verlagert den Fokus von der militärischen auf die politische Macht. Piontek agiert nun auf der großen Bühne der europäischen Politik. Der Roman beschreibt ein „nach rechts gerücktes Europa“, eine alternative Realität, die jedoch beunruhigende Parallelen zu den politischen Tendenzen des frühen 21. Jahrhunderts aufweist.
Macht und Moral: Als Präsident ringt Piontek um Macht und Einfluss. Twardoch stellt hier die Frage, ob ein Individuum, selbst in der höchsten Machtposition, in der Lage ist, den Lauf der Geschichte zu lenken oder ob es selbst nur eine Marionette größerer politischer und gesellschaftlicher Kräfte ist. Der Kampf um die Macht wird zu einem zermürbenden Ringen mit politischen Gegnern, gesellschaftlichen Strömungen und den eigenen moralischen Kompromissen.
Handlungsstrang Drei:
Der Überlebende: Eine Dystopie im Jahr 2031
Die dritte Existenz versetzt Piontek in eine düstere dystopische Zukunft des Jahres 2031. Details zu diesem Leben sind in den Notizen spärlicher, aber die Bezeichnung „Dystopie“ impliziert einen gesellschaftlichen Zusammenbruch oder eine totalitäre Ordnung.
Genre-Bezüge und Interdisziplinarität: Dieser Handlungsstrang knüpft an die große Tradition des dystopischen Romans an (vgl. Orwell, Huxley, Zamyatin). Er dient als warnender Kommentar zu den potenziellen Konsequenzen der Entwicklungen, die in den anderen beiden Zeitlinien angelegt sind: die unaufgearbeitete Gewalt der Vergangenheit und die politischen Krisen der Gegenwart.
Thematische Funktion: In dieser Zukunftsvision ist Piontek vermutlich kein Machthaber mehr, sondern ein einfacher Mensch, der versucht zu überleben. Dies komplettiert den Zyklus seiner Existenzen: vom Werkzeug der Macht (Soldat) über den Träger der Macht (Präsident) zum Opfer der Macht (Überlebender in der Dystopie).
Zentrale Themen und Motive
Über die drei Lebensgeschichten hinweg entwickelt der Roman eine Reihe von wiederkehrenden Themen.
Identität und Herkunft:
Piontek ist Schlesier. Diese regionale Identität, gefangen zwischen deutscher und polnischer Kultur und Geschichte, ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Zerrissenheit. Ist er Deutscher, Pole oder einfach nur Schlesier? Diese Frage hallt durch alle seine Leben.
Macht und Ohnmacht:
Der Roman ist eine tiefgreifende Meditation über die Natur der Macht. Piontek erfährt sie in all ihren Facetten: die Macht zu töten, die Macht zu regieren und die Ohnmacht, den größeren Kräften der Geschichte und Gesellschaft zu entkommen.
Schuld und Gerechtigkeit: Insbesondere im Handlungsstrang in Deutsch-Südwestafrika und dem damit verbundenen Mordauftrag wird die Frage nach individueller und kollektiver Schuld aufgeworfen. Kann ein Akt der Rache Gerechtigkeit schaffen? Kann man sich von historischer Schuld befreien?
Das Motiv des Wassers:
Das Wasser ist ein zentrales, wiederkehrendes Symbol. Die Reise beginnt auf einem Stausee, die Flucht aus Berlin endet im Wasser, und das „Auftauchen“ im Jahr 1979 gleicht einer Neugeburt. Wasser steht hier für Übergang, Reinigung, Tod und Wiedergeburt.
Kritische Einordnung
„Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch ist ein herausfordernder, aber ungemein lohnender Roman. Twardochs Prosa ist präzise, oft unbarmherzig und von großer stilistischer Kraft. Die nicht-lineare Erzählstruktur erfordert vom Leser Konzentration und die Bereitschaft, sich auf ein komplexes Gedankenspiel einzulassen.
Stärken:
Ambition und Originalität:
Die Verknüpfung von drei so unterschiedlichen Epochen und Genres zu einer einzigen, kohärenten Charakterstudie ist kühn und meisterhaft umgesetzt.
Historische Tiefe:
Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus ist differenziert und von beklemmender Aktualität. Twardoch scheut nicht davor zurück, die Abgründe menschlichen Handelns darzustellen.
Philosophischer Reichtum:
Der Roman regt zum Nachdenken über grundlegende Fragen der menschlichen Existenz an, ohne einfache Antworten zu liefern.
Resümee
„Sehnsucht“ ist ein bedeutendes Werk der europäischen Gegenwartsliteratur. Es ist Geschichtsroman, Politthriller und dystopische Vision in einem. Szczepan Twardoch beweist sich einmal mehr als brillanter Erzähler, der die großen Fragen unserer Zeit in eine fesselnde und literarisch innovative Form gießt. Der Roman ist ein Muss für Leser, die sich für die komplexen Verflechtungen von Geschichte, Macht und individueller Identität interessieren.
Ein beeindruckender und nachwirkender Roman. Mit historischem und philosophischen Tiefgang.
Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne)