Geschichten über Außenseiter

 Motto: "Am interessantesten ist die Innenseite der Außenseiter." Jean Genet

projekt vier

Ehrensachen

orig. Matters of Honor

Louis Begley

Neben "Lügen in Zeiten des Krieges" ist "Ehrensachen" das persönlichste Buch, das Louis Begley geschrieben hat. Bis in die Gegenwart hinein folgt er dem Schicksal seiner Protagonisten. Ein skeptisches Porträt Amerikas.

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Literatur in Wersten | Mein Lesekreis

Über einem polnisch-jüdischen Außenseiter, der sich in einen pasteurisierten Amerikaner verwandeln und sich Zutritt zur mondänen Jeunesse dorée verschaffen will.

Über eine Machtelite, die im amerikanischen Harvard der 50er Jahre  darüber bestimmt, wer dazugehört – und vor allem, wer nicht.  

Literatur in Wersten | Mein Lesekreis

Eine Geschichte von den Studienjahren dreier ungleicher Freunde in den 50er Jahren an der Haward Universität, die alle in unterschiedlichen Milieus aufgewachsen sind.

Ehrensachen

Louis Begley

Harvard, Anfang der fünfziger Jahre: Wo die Sprößlinge der Ostküstenelite ihre soziale Stellung einüben, zählen vor allem Stil, Prestige und die Einladungslisten der wichtigen Partys. Herkunft ist alles, doch Henry, ein rothaariger und obendrein schlecht angezogener Schlaks aus jüdischer Familie, hat nur Talent vorzuweisen, anders als seine Zimmergenossen Sam und Archie, die aus reichen Elternhäusern stammen. Der Außenseiter will seine Herkunft abschütteln und sich Zutritt zur mondänen Jeunesse dorée verschaffen, doch der Preis des amerikanischen Traums ist hoch – und die Frau, die er liebt, scheint unerreichbar zu bleiben. Neben ‚Lügen in Zeiten des Krieges‘ ist ‚Ehrensachen‘ das persönlichste Buch, das Louis Begley geschrieben hat. Bis in die Gegenwart hinein folgt er dem Schicksal seiner Protagonisten und erzählt eine Geschichte von Selbsterfindung, Liebe und großer Freundschaft.

Format:
Broschur, 444 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.07.2008

Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom Suhrkamp Verlag, Berlin, zur Verfügung gestellt. 

Literatur in Wersten | Mein Lesekreis

Louis Begley

Bildrechte  © Jerry Bauer

Louis Begley (* 6. Oktober 1933 in Stryj, damals Polen, heute Ukraine, als Ludwik Begleiter) ist ein amerikanischer Schriftsteller polnisch-jüdischer Herkunft. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte seine Familie in die Vereinigten Staaten, wo Begley als Rechtsanwalt tätig war. Erst 1991 trat er mit dem autobiografisch geprägten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" literarisch in Erscheinung. Von seinen seither veröffentlichten Werken wurden insbesondere die Romane um den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt populär. 
 

  • Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg 2008
  • Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2000
  • Jeanette-Schocken-Preis Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur 1995
  • American Academy of Letters Award in Literature 1995 


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Die Dokumentation gibt einen seltenen Einblick in Begleys Leben und Werk. Zum ersten Mal kann man den Schriftsteller im Gespräch mit seiner Frau und seinen Kindern erleben. In Paris besucht Louis Begley seinen Sohn, den Künstler Peter Begley, in dessen Atelier. Auch seine Tochter, die Schriftstellerin Amey Larmore, erzählt von der prägenden Rolle, die ihr Vater noch immer in ihrem Leben spielt. In der Brasserie Lipp in Saint-Germain spricht Begley humorvoll mit seiner Frau, der Schriftstellerin Anka Muhlstein, über ihr gemeinsames Leben und ihre erste Begegnung. Ein alter Freund aus den Harvard-Zeiten erinnert sich an den jungen Begley, der damals wenig über seine Kindheit sprach – erst nach einem gemeinsamen Besuch in Dachau öffnete er sich und erzählte von seinen Erlebnissen in Polen. Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit hat Louis Begley seit 1991 14 Romane und zahlreiche Essays veröffentlicht. 

ASSIMILATION HAT EINEN PREIS

"Ehrensachen" ist die Geschichte des polnisch-jüdischen Flüchtlings Henry White und seiner erfolgreichen Amerikanisierung. White schafft es aus den staatlichen Schulen der jüdischen Einwanderergegend Brooklyns ans private, vornehme und seinerzeit fast ganz unjüdische Harvard College. Er wird ein brillanter Altphilologe und nach Absolvierung der Harvard Law School ein ebenso brillanter Jurist. 
Er avanciert zum Mitglied und später zum Sozius einer exorbitant vornehmen Wall-Street-Kanzlei, in der Juden eher nicht arrivieren. Gegen Ende des Romans lebt er in Paris, ist berühmt als Spezialist für vertrackte internationale Rechtsarrangements, bewohnt ein hinreißend stilvolles Apartment – er hat’s geschafft, könnte man meinen.

Menschen können sich verändern und Erfolg haben - aber sie entkommen ihrer Geschichte nicht vollständig, Sie zahlen für Anpassung immer einen inneren Preis.

Lektüre Notizen zu Louis Begleys Roman „Ehrensachen“

horst g.flämig 

Louis Begleys „Ehrensachen“ ist ein präziser, intellektuell scharf konturierter Campus- und Aufstiegsroman, der die moralischen und sozialen Spannungsfelder der amerikanischen Nachkriegszeit durch eine Dreiecksdynamik aus Herkunft, Ambition und Identität auslotet. 

Im Mittelpunkt steht Henry White, ein polnisch-jüdischer Flüchtling, der sich vom Brooklyn der jüdischen Einwandererviertel bis ins nahezu „unjüdische“ Harvard der frühen 1950er Jahre hocharbeitet – und später in der gläsernen Höhe einer Wall-Street-Kanzlei und einem Pariser Lebensstil endet. Begley erzählt diese Geschichte aus der Perspektive des Ich-Erzählers Sam, der Henrys Weg begleitet und kommentiert; hinzu tritt Archie, ein weiterer Mitstudent aus der Oberschicht. Zwischen den drei jungen Männern liegen Welten: unterschiedliche Milieus, unterschiedliche Selbstbilder, aber dieselbe Gier nach Zugehörigkeit, Erfolg und einer neuen, „entstaubten“ Upper-Class-Identität.

Worum es geht

  • Harvard, Anfang der 1950er: Sam trifft erstmals auf seine Mitbewohner Henry und Archie. Die drei bilden eine fragile Freundschaftsachse, durchzogen von sozialen Codes, unausgesprochenen Vorurteilen und dem Leistungsdruck einer Eliteinstitution.


  • Henry, dessen polnischer Akzent und jüdische Herkunft ihn in den Augen anderer markieren, strebt eine radikale Selbstneudefinition an. Er fühlt sich „kaum jüdischer als ein geräucherter Schweineschinken“ – eine provokante, bewusst entfremdende Selbstbeschreibung, die seine Assimilationssehnsucht und seine Distanz zur Herkunft offenlegt.


  • Der American Dream lockt alle drei, doch Henry zahlt den höchsten Preis: Die „erfolgreiche Amerikanisierung“ verlangt Loyalitätsbrüche gegenüber der Familie und den Herkunftskreisen. Die Freundschaft zwischen Sam, Archie und Henry bleibt nicht unversehrt; sie hinterlässt Narben als Folge von Klassenunterschieden, antisemitischen Strukturen (offen und subtil) und persönlichen Entscheidungen.


  • Henrys Bildungs- und Karrierelaufbahn: vom brillanten Altphilologen zum Harvard-Juristen, schließlich Sozius in einer exklusiven Wall-Street-Kanzlei, in der Juden selten „arrivieren“. Gegen Ende lebt er in Paris, als renommierter Experte für komplexe internationale Vertragswerke, stilvoll arrangiert – scheinbar angekommen.

Themen und Motive

Identität und Assimilation: 
Begley stellt die Frage, ob gesellschaftliche Zugehörigkeit durch Leistung und Stil erkämpft werden kann, wenn Herkunft unablässig anhaftet. Henrys Selbstverfremdung ist zugleich Schutzschild und Waffe, aber auch Quelle latenter Schuld.

Klassen- und Herkunftsmythen: 
Sam und Archie sind Kinder der amerikanischen Oberschicht, doch Begley dekonstruiert die vermeintliche Selbstverständlichkeit ihres Status. Die „neue Upper Class“ der 1950er Jahre löst die Werte der Eltern ab, inszeniert Modernität, bleibt aber von Exklusionsmechanismen durchzogen.

Freundschaft und Verrat: 
Die Dreierkonstellation dient als Labor für Loyalität. Nähe entsteht, doch sie wird von Karriereentscheidungen, unterschwelligen Vorurteilen und Konkurrenzdruck korrodiert. „Ehrensachen“ spielt (auch ironisch) mit dem Titel: Was gilt als Ehre in einer Welt, die Erfolg über Herkunft erhebt, aber Herkunft nie ganz vergisst?

Skeptisches Amerika-Porträt: 
Der Roman blickt mit kühler Intelligenz auf Institutionen - Harvard, Kanzleien, Kulturkreise - und legt die Codes offen, die Zugänge regulieren. Es ist ein Gegenwartsroman im historischen Gewand: Die Prägekraft der 50er Jahre reicht bis ins Heute 



Erzählweise und Stil

Perspektive: Der Ich-Erzähler Sam bietet Nähe und Reflexion. Seine Beobachtungen sind oft präzise, doch nicht neutral - er ist Teil des Systems, das er beschreibt. Diese doppelte Positionierung macht den Text glaubwürdig und ambivalent.

Ton: Begley schreibt ohne Sentimentalität, mit kontrollierter Ironie und juristisch-klassizistischer Klarheit. Die Sprache spiegelt Henrys Bildungsweg (Altphilologie, Juristerei) als Disziplinen der Form und Distanz.

Struktur: Vom Campusroman zur Karrierechronik, dann zur Weltläufigkeit (Paris). Dieses Fortschreiten illustriert die Mobilität des American Dream, während die psychischen Kosten („Narben“) als Nachhall bestehen bleiben.

Figurenanalyse

  • Henry White: Eine Figur zwischen Selbstbestimmung und Selbstverleugnung. Sein Erfolg ist real, seine Zugehörigkeit bleibt prekär. Begley zeigt, wie Assimilation zugleich Ermächtigung und Erschöpfung ist.


  • Sam: Beobachter, Freund, Mitläufer - sein Blick verleiht dem Roman moralische Tiefenschärfe. Er ist so sehr Teil der Upper-Class-Kultur, dass seine Empathie immer auch unter dem Verdacht der Komplizenschaft steht.


  • Archie: Der Repräsentant einer anderen Eliteprägung; sein Verhältnis zu Henry spiegelt Rivalität und Faszination. Er steht für die verführerische, aber auch zynische Seite des sozialen Aufstiegs.

Stärken

Präzise Gesellschaftsanalyse: Begley fängt die unsichtbaren Regeln der Zugehörigkeit ein - Akzent, Namen, Netzwerke, Etikette - und zeigt ihre Macht.

Psychologische Glaubwürdigkeit: Die inneren Konflikte Henrys, die Subtilität antisemitischer Codes und die fragile Dynamik der Freundschaft sind nuanciert und überzeugend.

Zeitkolorit: Harvard in den frühen 50ern wird als Ort der intellektuellen Ambition und sozialen Auslese lebendig.

Schwächen 

Frauenfiguren: Wie in vielen Campus- und Karriereerzählungen jener Zeit bleiben weibliche Figuren häufig Randgestalten oder Projektionsflächen; das mag historisch plausibel sein, ist literarisch aber begrenzend.

Erfolgsnarrativ: Der Pariser Endpunkt wirkt fast zu glatt – als ästhetisierte Oberfläche, hinter der Brüche sichtbar sind, aber nicht immer narrativ durchlitten werden.

Einordnung und Wirkung

„Ehrensachen“ reiht sich ein in die Tradition des amerikanischen Bildungs- und Karriereromans, mit bewusster Distanz zur triumphalistischen Erzählung des Aufstiegs. Es ist auch - im Verhältnis zu Begleys Werk insgesamt - ein persönliches Buch: Die Harvard-Jahre und das Juristenmilieu verweisen auf den Autor als Kenner jener Klassenräume. Das macht den Text glaubwürdig, gelegentlich auch „innenpolitisch“: Ein skeptischer Blick aus der Elite auf die Elite.

Resümee

Louis Begley liefert mit „Ehrensachen“ ein kluges, vielschichtiges Porträt von Selbstfindung, Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund eines Amerika, das Inklusion verspricht, aber Zugehörigkeit reguliert. Der Roman zeigt, wie der American Dream nicht nur gemacht, sondern auch bezahlt wird - mit Sprachwechseln, Loyalitätsbrüchen und der dauernden Arbeit an einem Ich, das immer wieder neu verhandelt werden muss. Wer eine elegante, analytische Prosa und gesellschaftliche Tiefenschärfe schätzt, findet hier ein mitreißendes, zugleich ernüchterndes Buch über Ehre, Ehrgeiz und die fragile Kunst, dazuzugehören.

Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne) 

Zum Amüsieren, nicht zum Studieren ist das College da.

Zitat aus "Ehrensachen" - broschur s. 63