Geschichten über Außenseiter
Motto: "Am interessantesten ist die Innenseite der Außenseiter." Jean Genet
projekt fünf
Firmin. Ein Rattenleben
Sam Savage
Sei dabei: Präsenz-Lesetreff 11. August 2026
Bürgerhaus Wersten | Das kulturelle Vieleck | Werstener Dorfstraße 90 | 40591 Düsseldorf
Sei dabei: Online-Lesetreff 13. August 2026
Anmeldung erforderlich. Anmeldeschluss 12. August 2026, 22:00 Uhr. Hinweise für die Teilnahme an der LiWe Online-Buchbesprechung.
Moderation Horst G. Flämig
Die berührende, tragische, aber auch humorvolle Geschichte eines Außenseiters, der in einer Buchhandlung sein Glück sucht.
Das Kultbuch über eine wahre Leseratte | melancholisch-komisch und tiefgründig
FIRMIN. EIN RATTENLEBEN
Originaltitel: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife.
Sam Savage
Boston in den 60er Jahren. Im schäbigen Keller der Buchhandlung am Scollay Square wird Rattenjunge Firmin geboren. Er ist der Kleinste im Wurf und kommt immer zu kurz. Als der Hunger eines Tages zu schlimm wird, knabbert er die in den Regalen lagernden Bücher an. Eines nach dem anderen wird gefressen, bis Firmin entdeckt, dass auf dem Papier etwas steht, was ihn sein Elend vergessen lässt: Ob Lolita oder Ford Madox Ford, ob Moby Dick oder Cervantes, die Welt der Menschen verspricht Abenteuer und Liebe, Krieg und Frieden, kurz: alles, was eine Ratte nicht hat.
Voller Neugier sucht Firmin die Freundschaft zu Buchhändler Norman. Als dieser einen Giftanschlag auf ihn verübt, muss Firmin einsehen, dass er in den Augen der Menschen wohl doch nichts weiter ist als ein lästiges Tier. Wie so oft im Leben zeigt sich aber gerade in den dunkelsten Stunden ein Licht am Ende des Tunnels.
Format:
Broschur, 208 Seiten
Erscheinungsdatum:
31.03.2022, 2. Auflage
Der Roman wurde LiWe zur Rezension vom Ullstein Verlag, Berlin, zur Verfügung gestellt.
Die ersten Sätze
ICH HATTE MIR IMMER VORGESTELLT, dass meine Lebenserinnerungen, wenn ich sie jemals niederschreiben sollte, mit einem großartigen ersten Satz anfangen müssten: mit etwas Lyrischem wie Nabokovs »Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden« oder, falls das Lyrische mir nicht so läge, vielleicht mit etwas Philosophischem wie Tolstois »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich«. An solche Sätze erinnert man sich, wenn man alles andere in diesen Romanen schon längst vergessen hat. Der beste aller Anfangssätze ist meiner Meinung nach jedoch die Zeile, mit der Ford Madox Ford seinen berühmtesten Roman beginnt: »Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.« Das habe ich bestimmt schon Dutzende von Malen gelesen, und es haut mich immer wieder um. Ford Madox Ford war ein ganz Großer. Seit ich um mein Debüt als Schriftsteller ringe, habe ich mit nichts so mannhaft – jawohl, das ist der richtige Ausdruck: mannhaft – gerungen wie mit dem Eröffnungssatz. Ich dachte immer, wenn mir der gelingt, würde sich alles Weitere von selbst ergeben. Diesen ersten Satz stellte ich mir als eine Art semantischen Mutterschoß vor, in dem es vor ungeborenen leeren Seiten nur so wimmelt, genialen Kleinodien, die ungeduldig das Licht der Welt erblicken wollen. Aus diesem Schoß würde die ganze Erzählung sozusagen hervorquellen. Kompletter Unsinn! Das genaue Gegenteil traf zu.
LEKTÜRE NOTIZEN
horst g. flämig
Sam Savages Debütroman „Firmin. Ein Rattenleben“ ist ein ebenso zarter wie bissiger Blick auf Literatur, Einsamkeit und das randständige Dasein – erzählt aus einer Perspektive, die zugleich verblüfft und rührt: jener einer Ratte, die im Keller einer Bostoner Buchhandlung geboren wird und über das Lesen zu sich selbst findet. Der Kunstgriff, die Geschichte als Ich-Erzählung einer „Leseratte“ zu gestalten, erlaubt Savage eine eigenwillige Mischung aus Melancholie, Humor und literarischem Kommentar, die diesen Roman aus dem Feld der bloßen Parabel heraushebt.
Ausgangspunkt und Setting:
Firmin wächst als kleinster, schwächster Spross einer Rattenfamilie in einem düsteren Buchhandlungskeller auf. Der ständige Hunger führt zur buchstäblichen Aneignung von Literatur: Er knabbert an Seiten, um satt zu werden – und „isst“ sich so ins Lesen hinein. Aus dem Beißen wird ein Begreifen. Dieses originelle Motiv verbindet Körperlichkeit mit geistiger Nahrung und setzt die Grundmetapher des Romans: Literatur als Lebens- und Überlebensmittel.
Stimme und Ton:
Die autobiografische Ich-Perspektive ist melancholisch und selbstironisch, durchzogen von launig-heiteren Volten, die den Ernst der geschilderten Miseren abfedern. Savage gelingt ein feines Gleichgewicht: Tragische Passagen – Vereinsamung, soziale Kälte, Vergänglichkeit von Orten und Beziehungen – werden nie in Kitsch ertränkt, sondern mit trockenem Humor kontrastiert. Die Sprache ist unprätentiös, leichtfüßig, dabei immer wieder von literarischen Anspielungen belebt. Dass eine Ratte in klaren, reflektierten Sätzen über die Menschen, ihre Sehnsüchte, Ängste und Wünsche räsoniert, erzeugt eine doppelte Reibung: zwischen Niedrigem und Hohem, Trivialem und Erhabenem, Abfall und Kanon.
Literatur als Spiegel der Menschenwelt:
Firmin wird zum Allesfresser der Bücher – von hoher bis trivialer Literatur. Dieses breite Leseverhalten macht ihn zum literarischen Flaneur, der die Menschen zunächst durch ihre Texte kennenlernt. Savage nutzt das, um auf unaufdringliche Weise Lektüreerfahrungen zu verarbeiten: Bücher als Archive menschlicher Hoffnungen, als Trost- und Täuschungsmaschinen, als Brücken zur Welt und zugleich als sichere Nischen vor ihr. Die Doppelbewegung – Nähe zur Menschheit durch Lektüre, Distanz durch Speziesgrenze – schärft den Blick für Widersprüche: Humanität und Grausamkeit, Wärme und Indifferenz, Gemeinschaft und Ausgrenzung.
Figuren und Milieu:
Besonders einprägsam ist die Beziehung zum Buchhändler, in dessen Keller die Rattenfamilie lebt. In dieser kleinen Buchhandlung verdichten sich die Romantopoi: der bedrohte Ort der Kultur, das Verschwinden von Nachbarschaften, die stille Würde von Menschen, die mit Büchern leben. Der Roman weitet sich vom Kellerraum in den umliegenden Stadtteil aus; so entsteht eine Topografie der Ränder: Hinterhöfe, Gassen, Nischen – die Räume der Außenseiter. Diese Milieuschilderung bleibt sparsam, aber suggestiv und schafft eine Atmosphäre zwischen Wehmut und Zuneigung.
Poetologie des Außenseitertums:
„Firmin“ ist weniger Tierfabel als Exilroman: Eine Kreatur zwischen den Welten, begabt mit Sprache, aber ohne Zugehörigkeit. Firmins Intellekt vergrößert sein Elend: Er versteht die Menschen besser, als sie ihn je verstehen könnten. Diese tragische Ironie ist der emotionale Kern des Buches. Savage zeigt, wie Literatur eine zweite Existenz schafft – eine imaginäre Zugehörigkeit, die die reale Nichtzugehörigkeit deutlich spürbar lässt. Dass „niemand es wirklich leichter“ hat, ist dabei nicht platitüdenhaft gemeint, sondern als leiser Gleichklang der Verwundbarkeit.
Stilistische Mittel und Wirkung:
Der Roman arbeitet mit feiner Selbstreflexivität: Firmin liest, kommentiert, schreibt, erzählt – ein Kreisgang, der Literatur als Erfahrungsform zeigt. Der Wechsel von ernsten, fast elegischen Passagen zu leicht spöttischen Miniaturen hält die Bewegung aufrecht „von jedem Tiefpunkt aus“. Das Komische entsteht oft aus Kontrastmontagen (Ratte vs. Kanon; Hunger vs. Hochkultur), das Rührende aus präzisen Beobachtungen des Prekären. Die resultierende Grundstimmung ist bittersüß: schmunzelnd, ohne zu verharmlosen; trauerhell, ohne zu resignieren.
Kritik und mögliche Einwände:
Wer einen handlungsgetriebenen Plot erwartet, könnte die episodenhafte, kontemplative Anlage als dünn empfinden. Einige Übergänge zwischen Lektüre-Reflexionen und Außenwelt sind bewusst skizzenhaft. Doch gerade diese Knappheit wirkt wie eine ästhetische Entscheidung: Das Leben am Rand hat keine große Bühne – es blinkt auf, verschwindet, hinterlässt Nachhall.
Resümee:
„Firmin. Ein Rattenleben“ ist ein leises, kluges und tief empathisches Buch über Lesen als Lebensform. Es feiert die Literatur, ohne ihre Tröstungen zu überschätzen, und zeigt mit sanfter Ironie, wie eine Stimme aus dem Schatten heraus die Welt verständlicher machen kann. Sam Savage gelingt das seltene Kunststück, Sentiment zu vermeiden und dennoch zu rühren. Für alle, die Bücher nicht nur konsumieren, sondern bewohnen, ist „Firmin“ eine kleine, eigenwillige Kostbarkeit. Meine Empfehlung: unbedingt lesen.
Bewertung: ★★★★★ (5/5 Sterne)